Noch ziert sich Schröder zum Vollzug zu schreiten, doch mehr aus taktischen Erwägungen: Er will eine Schamfrist verstreichen lassen, damit nicht der Eindruck entsteht, er habe den Forderungen mosernder Parteifreunde nachgegeben. Zudem ist der Kanzler dem Vernehmen nach noch auf der Suche nach geeignetem Nachfolgepersonal. Angesichts der ausgedünnten SPD-Personaldecke kein leichtes Unterfangen.
Schröder muss reagieren, denn die kritischen Stimmen wollen nicht verstummen. Nachdem vergangene Woche der niedersächsische Landesvorsitzende Wolfgang Jüttner den Kanzler mit dem Hinweis auf "verbrauchte" Minister erzürnt hatte, legte gestern der ehemalige Staatssekretär Stephan Hilsberg nach: "Man kommt um eine Kabinettsumbildung nicht herum, die muss sein", sagte er. Andere Genossen äußern sich anonym, sagen aber das gleiche.
Als Wackelkandidaten im Kabinett gelten: Sozialministerin Ulla Schmidt, die an der Gesundheitsreform zu scheitern droht und die halbe Nation gegen sich aufgebracht hat. Finanzminister Hans Eichel, der sich im Finanz- und Steuergestrüpp des Bundes verheddert hat. Verkehrsminister Manfred Stolpe, der völlig überfordert wirkt und das Maut-Problem nicht in den Griff bekommt. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, die das Zukunftsthema Innovation nicht transportieren kann. Und Innenminister Otto Schily, der bereits vor zwei Jahren amtsmüde war und mit seinem einsamen BKA-Umzugsbeschluss eine ganze Behörde gegen sich aufgebracht hat.
Auch die weniger gefährdeten Minister verbreiten wenig Glanz, haben aber immerhin keinen Anlass zur Diskussion geliefert. Brigitte Zypries (Justiz), Renate Schmidt (Familie), und Heidi Wieczorek-Zeul (Entwicklungshilfe) werkeln still vor sich hin. Die grünen Amtsträger Joschka Fischer (Außen), Renate Künast (Ernährung) und Jürgen Trittin (Umwelt) sorgen zuweilen für Schlagzeilen und fallen wenigstens durch eine gewisse Cleverness auf. Bleiben noch Verteidigungsminister Peter Struck, der als einziger Minister durchweg gute Noten erhält, und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement - der sich zum Sorgenkind entwickeln könnte.
Clement, bis Herbst 2002 Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen und dort Hansdampf in allen Gassen, hat in der Hauptstadt die raue Wirklichkeit der rot-grünen Regierungsarbeit kennen gelernt. Übermotiviert versucht er seit anderthalb Jahren, die SPD von der Notwendigkeit einschneidender Reformen zu überzeugen, ist dabei aber mehrfach gegen die Wand gerannt. Bei seinen Herzensanliegen - Lockerung des Kündigungsschutzes und Novelle Handwerksordnung - musste er verwässernde Kompromisse eingehen. Nach Lage der Dinge muss er auch die vom künftigen Parteivorsitzenden Franz Müntefering favorisierte Ausbildungsabgabe schlucken, die er vehement ablehnt.
Überhaupt Müntefering. Seit dessen Aufstieg zur Nummer eins der SPD fest steht, ist Clement verschnupft. Er ist alles andere als begeistert über die Spitzenkarriere des alten Rivalen Müntefering, mit dem er schon in Nordrhein-Westfalen nicht gut zurecht kam. Angeblich überlegt Clement sogar, sein Amt als SPD-Vize aufzugeben, weil er fürchtet, unter einem Vorsitzenden Müntefering Abstriche an seinem Reformkurs vornehmen zu müssen. Außerdem ist er sauer, dass Schröder ihn nicht in seine Rückzugspläne eingeweiht hatte. Nachdem ihm der Kanzler und die NRW-Landesgruppe im Bundestag aber gut zugeredet hatten, dementierte er am Nachmittag lau entsprechende Meldungen: "Zurzeit" stehe ein Rückzug nicht zur Debatte. Auch Müntefering versuchte die Wogen zu glätten und sagte nach einer "temperamentvollen" Fraktionssitzung, die SPD müsse si ch nun "zusammenreißen".