Der Diplom-Volkswirt "mit preußischer Disziplin" war der letzte Bundesbank-Chef mit der ganzen Machtfülle der D-Mark - und der erste, der im Rat der Europäischen Zentralbank sein Gewicht für Deutschland in die Waagschale warf. Heute wird Tietmeyer 85 Jahre alt.

Der Ökonom scheute keinen Konflikt mit der Regierung und kritisierte mehrfach wirtschaftspolitische Entscheidungen. So bezeichnete der gebürtige Westfale die Währungsumstellung in der DDR 1990 im Verhältnis 1:1 als großen Fehler. Als CDU-Mitglied verfasste er 1982 für den damaligen FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff das "Lambsdorff-Papier", das den Bruch der sozialliberalen Regierung und den Sturz von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) einleitete.

Auch nach seiner Zeit in Frankfurt ließ die Sorge um den Euro Tietmeyer nicht zur Ruhe kommen. Insider nannten ihn die "Ikone der Geldpolitik" oder in Anlehnung an den legendären amerikanischen Notenbank-Präsidenten Alan Greenspan den "Greenspan Europas". Sein Wort hatte Gewicht. Das nutzte der Marktliberale, um für eine politische Union Europas zu werben, die den Euro institutionell absichern sollte: "Der Euro braucht mehr politische Gemeinsamkeit." Nur dann könne die Währung stabil bleiben.

Tietmeyer begann seine Karriere 1962 als Beamter im Bonner Wirtschaftsministerium. Zwanzig Jahre später wechselte er als Staatssekretär ins Bundesfinanzministerium. Als persönlicher Beauftragter bereitete er für den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) die internationalen Wirtschaftsgipfel vor. Die terroristische RAF scheiterte 1988 mit einem Anschlag auf ihn. Nach seiner Zeit in Frankfurt saß Tietmeyer in zahlreichen Gremien und Aufsichtsräten.

Als Vorsitzender des Kuratoriums der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" trieb der zweifache Vater die Erneuerung der Marktwirtschaft voran.