Für Ion Luca gibt es keinen Weg mehr zurück. Der 38-jährige Chef des moldauischen Kleinwinzerverbandes sieht die Zukunft seines Landes in der Europäischen Union und nicht in einer Zollunion mit Russland. "Zweimal in zehn Jahren haben moldauische Weinbetriebe wegen der russischen Embargos Unmengen an Geld verloren. Mit so einem Partner langfristig zusammenzuarbeiten, das können wir einfach nicht", erklärt Luca, der mit seinen Kollegen fast nur noch in außerrussische Märkte exportiert und hauptsächlich den einheimischen Markt beliefert.

Zulauf für Kommunisten

Obwohl die Republik Moldau seit 2009, als gewaltsame Massenproteste die Kommunisten von der Regierungsbank verdrängten, von einer pro-europäischen Koalition aus demokratisch orientierten Parteien regiert wird, gilt die Fortsetzung dieses Bündnisses alles andere als sicher. Die Kommunisten dürften wieder die meisten Stimmen erhalten, allerdings wollen sie laut Parteichef Wladimir Woronin mit keiner anderen Partei koalieren. Allerdings stehen die Kommunisten in Moldau auch nicht für einen klaren Kurs in Richtung Zollunion mit Russland - das macht sie für andere proeuropäische Parteien durchaus interessant.

Für die Journalistin Natalia Morar gibt es handfeste innenpolitische Gründe für den weiteren Kurs in Richtung EU: "Unsere einzige Chance, die Korruption zu bekämpfen, ist der Druck durch die EU", sagt sie. Sie hofft darauf, dass Instrumente wie das im Sommer unterzeichnete Assoziierungsabkommen auch die neue Regierung dazu zwingt, Reformen umzusetzen. 2009 brachte Morar binnen weniger Stunden via Twitter mehr als 10 000 Menschen auf die Straßen der moldauischen Hauptstadt Chisinau. Heute weiß sie jedoch noch nicht, wen sie am 30. November wählen soll.

Wie viele andere Menschen in Moldau, die seit Jahren auf höhere Löhne und Renten und eine Modernisierung des Landes hoffen, ist Morar von den proeuropäischen Kräften enttäuscht: Hinter den Parteien stehen nach wie vor einflussreiche Oligarchen, die die Kontrolle über das Justizwesen oder die Antikorruptionsbehörde unter sich aufgeteilt haben. Die Korruption im Land zu bekämpfen, ist das Ziel nahezu aller Spitzenkandidaten. Eigener Schuld ist sich indes keiner von ihnen bewusst, nicht einmal Ex-Premier Vlad Filat, der 2013 nach einem Misstrauensantrag wegen Korruptionsvorwürfen zurücktrat und heute wieder Spitzenkandidat der liberaldemokratischen Partei PLDM ist.

Zweifel am Modernisierungskurs

Angesichts dieser Situation hegen auswärtige Beobachter und führende EU-Beamte große Zweifel am Modernisierungskurs des Landes. Während Moldau offiziell gern als das Musterland der östlichen Partnerschaft gesehen wird, kritisieren Experten intern, dass die Wahrnehmung des Landes seitens der EU und die Realität vor Ort weit auseinander fallen. "Ein geopolitischer Ansatz verhindert, dass wir die Frage, ob eine Gesellschaft ausreichend auf die EU-Mitgliedschaft vorbereitet ist, differenziert genug beantworten", sagt Helmut Scholz, EU-Parlamentarier der Linken. Elmar Brok, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, erkennt jedoch an, dass sich Moldau von einem niedrigen Ausgangspunkt aus entwickelt hat. "Deshalb sind die Fortschritte erheblich", lobt er. Geopolitisch - diesen Begriff verwendet auch Natalia Morar, wenn sie über die Wahlen spricht. Der Einfluss Russlands im Wahlkampf ist für sie und viele andere unverkennbar. So wird der Kandidat der sozialistischen Partei PSRM Igor Dodon offen von Russland unterstützt, etwa bei der Mobilisierung moldauischer Wähler, die als Arbeitsmigranten in Russland leben. Russische Unterstützung wird auch Renato Usatii nachgesagt. Der 36-Jährige ist ein Newcomer in der Politik, der zuvor viele Jahre in Russland gelebt hat.

Usatii könnte mit seiner Partei "Patria" (Heimat) bei der Koalitionsbildung das Zünglein an der Waage sein, legt sich jedoch im Vorfeld auf gar nichts fest. Lieber sagt er Dinge wie: "Wir werden tun, was die Menschen wollen" und "Die Wähler können von mir erwarten, dass ich nicht lüge"; den weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko nennt er sein Vorbild.

Natalia Morar schätzt Usatii als sehr gefährlich ein, weil niemand wisse, wer hinter ihm steht. "Aber er sagt die Dinge, über die jeder in der Küche diskutiert: dass wir die Nase voll von korrupten Politikern haben. Deshalb hat er Erfolg."

Zum Thema:
PROEUROPÄISCH:Liberaldemokratische Partei PLDM mit Ex-Premier Vlad Filatund Premier Juri Leanca an der Spitze: 13 bis 18%.Demokratische Partei PDM mit dem Oligarchen Vlad Pla-chotnjuk und dem Parlamentspräsidenten Igor Corman an derSpitze: sieben bis zwölf Prozent.Liberale Partei PL mit dem Ex-Interimspräsidenten Mihai Ghimpu und dem Bürgermeister von Chisinau Dorin Chirtoaca an der Spitze: sieben bis zehn Prozent. EU-/RUSSLAND-KURS UNKLAR:Kommunistische Partei PCRM mit Ex-Präsident Wladimir Wo-ronin an der Spitze: 20 bis 30 Prozent.Partei Patria mit Newcomer Renato Usatii an der Spitze: bis zu 20Prozent PRORUSSISCH:Sozialistische Partei PSRM mit dem Kandidaten Igor Dodon an der Spitze:sechs bis neunProzent.Die Zahl der noch unentschlossenen Wähler wird auf 20 bis 40Prozent geschätzt.

Zum Thema:
Von den rund 3,5 Millionen Moldauern leben zurzeit etwa 0,65 Millionen Menschen zumeist als Arbeitsmigranten im Ausland, davon 0,4 Millionen in Russland. Sie dürfen in 95 außermoldauischen Wahllokalen abstimmen, davon fünf in Russland. Die Zahl der Wahlberechtigten beträgt gut drei Millionen.