„Polnisch – konfrontativ“ steht auf dem Schild vor der Niedersorbischen Sprachschule. Was kurz stutzig macht, bis dem Betrachter einfällt, dass Konfrontation nicht nur Auseinandersetzung bedeutet, sondern auch Vergleichen. „Wer kann Russisch„“, fragt die Lehrerin – Schweigen im Seminarraum. Sie verbessert sich: „Ich meine, wer hatte Russisch-Unterricht in der Schule““ Zögernd gehen die Hände der meisten neuen Polnisch-Kurs-Teilnehmer in die Höhe. „Und wie sieht es mit Sorbisch aus?“ Auch da sind bei vielen ein paar Brocken hängen geblieben. Einige haben früher sogar einmal Tschechisch gelernt.

Sorbisch, polnisch, russisch
Die eigentliche Aufgabe der seit 1992 bestehenden Bildungsstätte ist es, die Sprache und Kultur der Sorben/Wenden zu lehren, zu bewahren und zu verbreiten. Die in der sächsischen und brandenburgischen Lausitz einmalige Einrichtung will aber noch mehr. „Mit Hilfe der in unserer Region verbreiteten slawischen Sprachen einen Dialog zwischen den Generationen anstoßen“, sagt Maria Elikowska-Winkler, Leiterin dieses Volkshochschulbereiches – sein Vorläufer war bis 1990 in Dissenchen bei Cottbus beheimatet. „Das klingt alles ein wenig hochtrabend“, räumt sie ein, „es funktioniert aber in der Praxis schon.“ Elikowska-Winkler, 1981 aus Poznan nach Cottbus gekommen, verweist darauf, dass in etlichen Familien der Lausitz mehrere slawische Sprachen – zumindest in Ansätzen – beherrscht werden.
„Viele Großeltern sprechen noch sorbisch, Eltern und Kinder haben mal Russisch-Unterricht gehabt, die Enkel lernen vielleicht im Kindergarten Sorbisch . . .“, erläutert die Germanistin und Linguistin. Sie und ihre Kolleginnen machen im Unterricht unermüdlich auf Sprachverwandtschaften zwischen dem Polnischen und Sorbischen aufmerksam. So zeigen sie zugleich, dass Sorbisch keine isolierte, aussterbende Sprache, sondern lebendig ist – gerade jetzt, wo Europa Zuwachs aus dem Osten bekommt.

Die Zeit nicht verschlafen
Russisch, das alle Lausitzer zu DDR-Zeiten lernen mussten, beziehen die polnischen Pädagoginnen, die mit ihren Familien in Deutschland leben, ebenfalls in den Unterricht ein. Manch einer erkennt erst jetzt im Polnisch-Kurs, „dass gehasstes Russisch-Pauken“ nicht ganz umsonst war – weil es viele Vokabeln gibt, die im Polnischen und Russischen ähnlich klingen wie im Sorbischen, so etwa woda (Wasser) oder syn (Sohn) oder okno (Fenster). „Solche bekannten Worte lassen sich dann viel leichter abrufen“, meint Elikowska-Winkler.
„Indem wir Verwandtschaften zeigen, wollen wir auch das Selbstbewusstsein jener stärken, die mal eine slawische Sprache gelernt haben.“ Denn viele würden das heute eher schamhaft verschweigen, weil vor allem Englisch gefragt sei, so Elikowska-Winkler. „Dabei können sie ihre Kenntnisse anwenden, sich in Polen, Russland, in Tschechien oder Kroatien verständlich machen.“
Fast beschwörend sagt die Wissen-
schaftlerin: „Die Lausitz mit ihrem Sprachpotenzial ist eigentlich Deutschlands Tor zum Osten. Es wäre gut, wenn viele Einheimische in Unternehmen, Behörden und in der Tourismusbranche diese Chance auch erkennen und ausnutzen würden.“
Stolz verweist sie darauf, dass mit dem Näherrücken der EU-Erweiterung „die Teilnehmer der Polnisch-Kurse jünger werden“. Waren es Anfang der 90-iger Jahre vor allem Ältere, die einst in heute polnischen Gebieten lebten, wachse in den letzten Jahren die Gruppe der 20- bis 50-Jährigen. Besonders zu den Wochenendkursen kämen die Teilnehmer aus der gesamten brandenburgisch-sächsischen Grenzregion.
Für die meisten sei der Lehrgang eine Herausforderung. Ein Vorhaben, dem sie sich „eigentlich schon lange stellen wollten“, ist immer wieder zu Kursbeginn zu hören, so die Erfahrung von Elikowska-Winkler. „Viele erzählen, dass sie regelmäßig zum Einkaufen in das Nachbarland fahren oder in den Urlaub. Andere haben in Polen Bekannte und Verwandte.“ Und es wachse die Zahl jener, die meinen, dass sie von ihren Sprachkenntnissen nach der EU-Erweiterung profitieren können.“
Wie Peter Fiedler (39), freiberuflicher Bauleiter aus Cottbus. Er habe schon oft auf Baustellen in Berlin zu tun gehabt, wo der Anteil ausländischer Arbeiter auch aus Polen ständig wächst. „Da muss man sich verständlich machen. Und wer weiß schon, ob man nach der EU-Erweiterung nicht auch selbst jenseits der Grenze tätig wird“, fügt er hinzu.
Die Zeit dürfe nicht verschlafen werden. Sich als Grenzbewohnerin bei den Nachbarn verständlich machen können, will Sigrid Tschirner. Die 62-jährige Cottbuserin möchte nach dem Weg fragen, Auskünfte geben können, sich in Polen nicht sprachlos fühlen, „als käme man vom Mond“.
Monika Müller, Angestellte beim Landesamt für Soziales und Versorgung in der Stadt, hat familiäre Gründe. Sechsjährig kam sie 1966 mit ihren Eltern aus Polen in die DDR nach Cottbus. Von da an sprach sie kein Wort Polnisch mehr, weil ihre Eltern wollten, dass sie sich ganz auf Deutsch konzentriert. „Ich wollte schon lange meine Muttersprache lernen, hatte aber bisher einfach keine Zeit. Jetzt endlich habe ich sie mir genommen!“, sagt sie. Ihre Eltern bereuen heute ihre Entscheidung von damals, freuen sich über das Engagement ihrer Tochter und sind gute Lern-Helfer.
Finanzcontroller Peter Schwer „muss einfach polnisch lernen, weil ich der östlichste Ossi überhaupt bin“, bemerkt er scherzhaft. Denn er wohnt nur vier Meter von der Grenze entfernt in einem Haus des Bundesgrenzschutzes in Görlitz. Seine Frau stammt aus Russland. Seine Tochter wurde in Tschechien geboren, weswegen er auch ein wenig der Sprache dieses Nachbarlandes mächtig ist. In Polen hat er viele gute Freunde und ist außerdem an einem kleinen Anzeigenblatt in der Grenzregion beteiligt. Genügend Gründe, die Sprache zu lernen.

Hoffen auf berufliche Perspektiven
Said Seltmann, Student der Sozialpädagogik in Cottbus, bringt auf den Punkt, was viele denken, die – auch wenn sie nicht mehr ganz jung sind – vor einigen Wochen das Abenteuer mit der Sprache der vielen Zischlaute und aneinandergereihten Konsonanten begonnen haben. Der junge Mann findet es „einfach nur höflich“, sich in der Sprache der Nachbarn etwas auszukennen und nicht einfach zu erwarten, dass diese schon Deutsch beherrschen werden. Der 27-Jährige, der nach der EU-Erweiterung auch auf berufliche Perspektiven jenseits der Grenze hofft, hat ganz offensichtlich keine so schlechten Erinnerungen an seinen Russisch-Unterricht, denn er sagt: „Ich mag die slawischen Sprachen. Auch deshalb lerne ich jetzt Polnisch.“

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