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Eine echte Chance für Ärzte made in Brandenburg?

Die Brandenburger Grünen-Abgeordnete Ursula Nonnemacher schaut Studenten über die Schulter, die an Schweinefüßen üben, eine korrekte chirurgische Naht anzufertigen.
Die Brandenburger Grünen-Abgeordnete Ursula Nonnemacher schaut Studenten über die Schulter, die an Schweinefüßen üben, eine korrekte chirurgische Naht anzufertigen. FOTO: B. Lassiwe/iwe1
Neuruppin. In Neuruppin hat die Medizinische Hochschule Brandenburg (MHB) ihre Arbeit aufgenommen. Noch aber steht sie vor manchen Schwierigkeiten. Benjamin Lassiwe / iwe1

Konzentriert sitzen die Studenten um einen großen Tisch in der Mitte des Seminarraums. Vor ihnen liegen rohe Schweinefüße. Mit blauen Gummihandschuhen an den Händen versuchen sie, eine Wunde an den Füßen zu nähen. "Das sieht ja schon ganz gut aus", sagt Ursula Nonnemacher. Die Landtagsabgeordnete der Grünen ist selbst Ärztin, fuhr jahrelang auf einem Berliner Notarztwagen, weiß, wovon sie spricht. An diesem Tag ist die Politikerin nach Neuruppin gefahren, um das jüngste Pflänzchen im Blumengarten der Brandenburger Hochschulen zu besuchen: die private "Medizinische Hochschule Brandenburg - Theodor Fontane".

Skepsis gegenüber dem Projekt

Im Oktober 2014 war die Hochschule von mehreren kommunalen und kirchlichen Krankenhäusern gegründet worden. Ihr Ziel: Durch eine eigene Brandenburger Medizinerausbildung sollte etwas gegen den Ärztemangel im Land unternommen werden. Im Landtag stieß das nur bedingt auf Wohlwollen: Besonders die Linksfraktion setzte durch, dass es für die private Neugründung keine direkten Landeszuschüsse geben darf. Dennoch soll die Medizinische Hochschule Teil des geplanten Gesundheitscampus werden, an dem unter anderem auch die BTU Cottbus-Senftenberg beteiligt ist. Dadurch, so der Plan des Wissenschaftsministeriums, soll es möglich sein, die Medizinische Hochschule in einen größeren Forschungsverbund einzubinden und ihr das Promotionsrecht zu erteilen. Denn die fehlenden Forschungsmöglichkeiten waren eines der großen Bedenken, die der Wissenschaftsrat der Bundesregierung bei der vorläufigen Anerkennung der Hochschule äußerte.

"Lernt man denn hier auch, wie man einen Katheter annäht?", fragt Nonnemacher unterdessen den Dozenten. In ihrem eigenen Studium gab es den an der MHB angebotenen Nahtkurs in dieser Form noch nicht. Stattdessen waren die Studenten ein Jahr lang mit Anatomie beschäftigt. An der MHB dagegen werden die Organe des Körpers im Verlauf des Studiums besprochen. "Der Studiengang ist ein Reformstudiengang", sagt der Dekan der Hochschule, Prof. Edmund Neugebauer. Nicht nur der Nahtkurs, auch vieles andere ist praktischer orientiert als an großen medizinischen Fakultäten. Regelmäßig absolvieren die Studenten Praxistage in Hausarztpraxen der Umgebung, oft findet der Unterricht in Kleingruppen an den beteiligten Krankenhäusern statt. Zum Thema Dermatologie fuhr das vierte Semester kürzlich für zwei Tage nach Dessau, wo der zuständige Professor an den städtischen Kliniken arbeitet.

Die derzeit rund 600 Bewerber pro Studienjahr müssten ein Motivationsschreiben einreichen, anschließend würden 150 zu einer Vorstellungsrunde eingeladen. Am Ende könnten 48 ihr Studium beginnen - oft finanziert über Stipendien von Krankenhäusern, in denen die Studenten später ihre Facharztausbildung machen sollen. "Arzt zu sein, ist ein besonderer Beruf", sagt Neugebauer. "Es kann nicht jeder Arzt werden." Die Hochschule sortiert ihre Bewerber nicht nach der Abiturnote.

Wer die Einrichtung besucht, spürt eine gewisse Aufbruchsstimmung. Von den kommunalen Ruppiner Kliniken wird ein neues Lehrgebäude errichtet. Und auch in Brandenburg/Havel sind neue Seminarräume entstanden. Dort sollen ab April die Studenten jeweils ab dem fünften Semester unterrichtet werden - vom ersten bis vierten Semester findet die Ausbildung dagegen in Neuruppin statt.

Ausbildung ohne Landesmittel?

Doch kann das kleine Pflänzchen MHB wirklich ohne Landesmittel eine Medizinerausbildung anbieten? Und gelingt so eine Ausbildung losgelöst vom wissenschaftlichen Umfeld einer großen Universität? Bislang wirken die Unterrichtsräume eher provisorisch. "Und was ist mit den ,Kolibris'?", will Nonnemacher wissen. "Wie schaffen Sie es, dass ihre Studenten auch die seltenen Fälle zu Gesicht bekommen, die es an einer großen Uniklinik gibt und die man als Arzt kennen muss, die aber in einem ländlichen Krankenhaus nicht unbedingt zum Alltag gehören?" Seit die Hochschule gegründet wurde, würden auch die daran beteiligten Krankenhäuser im Land ernster genommen, sagt der Bernauer Herzchirurg Johannes Albes. "Wer früher eher nach Berlin ging, kommt jetzt zunehmend auch zu uns."

Kardiologie und Krebsforschung

Doch es bleibt die Frage nach der Finanzierung. Die vom Land vorgeschlagene gemeinsame Fakultät im Rahmen des Gesundheitscampus lehnt die Hochschule ab. "Das würde uns überfordern", sagt Neugebauer. Vielmehr wolle sich die Hochschule stärker auf die Versorgungsforschung konzentrieren, und auch in den Bereichen Kardiologie und Krebsforschung sei man schon gut aufgestellt.

"Wichtig ist für uns, dass wir einen Zugang zu Landesmitteln bekommen", sagt Neugebauer. "Ohne eine direkte Finanzierung aus Landesmitteln gefährden Sie die Universität." Das aber wird bis auf Weiteres nicht möglich sein. "Es gibt generell die Regel, dass private Hochschulen in Brandenburg vom Land nicht finanziert werden", sagt der Sprecher des Wissenschaftsministeriums, Stephan Breiding gegenüber der RUNDSCHAU. "Und im Fall der Medizinischen Hochschule Brandenburgs hat auch der Landtag einen Beschluss gefasst, der eine Mittelvergabe an die MHB ausschließt."

Ähnlich sieht das die Grünen-Abgeordnete Nonnemacher: "Ich bin skeptisch, was die direkte Vergabe von Landesmitteln aus einem gedeckelten Hochschuletat betrifft." Sie habe den Eindruck, dass an der MHB ein hoch engagiertes Team versuche, den Studenten eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. "Aber ob das am Ende ein tragfähiges Modell wird, muss sich erst noch zeigen."