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Eine Dame in Weiß im kubanischen Kerker

Berta Soler, politische Gefangene in Kuba. Im Hintergrund ein Plakat der Damen in Weiß, die jeden Sonntag gegen Menschenrechtsverletzungen in Kuba protestieren. Das Foto wurde während ihres Besuchs in Cottbus aufgenommen.
Berta Soler, politische Gefangene in Kuba. Im Hintergrund ein Plakat der Damen in Weiß, die jeden Sonntag gegen Menschenrechtsverletzungen in Kuba protestieren. Das Foto wurde während ihres Besuchs in Cottbus aufgenommen. FOTO: Marlies Kross
Kuba. Massenverhaftung in Kuba. Zum Tag der Menschenrechte sammelt das Regime alljährlich Regimegegner ein. Unter den Verhafteten auch Berta Soler, die im Sommer das ehemalige Zuchthaus in Cottbus besucht hatte. Johannes M. Fischer

Berta Soler ist sich nicht sicher, ob sie ihren Schatten wirklich abgeschüttelt hat. Gleich nachdem sie mit ihrem Mann das Haus verlassen hatte, heftete er sich auf ihre Fersen. Aber als Berta mich in einem kleinen Park in Havanna trifft, ist er nicht mehr da.

Vielleicht wurde er von jemand anderem abgelöst, denke ich, denn kurz nachdem wir uns auf eine Parkbank gesetzt haben, schlendert ein junger Mann mit Schirmmütze an uns vorbei und setzt sich in einigem Abstand auf eine andere Bank. Eine unbequeme Bank ohne Rückenlehne, wo er über eine Stunde ausharrt und regelmäßig zu uns herüberblickt. Nachdem ich mich von Berta und ihrem Mann verabschiedet habe, geht auch er. . .

Rückblick. Cottbus, im Sommer

Premiere im Zuchthaus. Das Staatstheater Cottbus führt Ludwig van Beethovens Freiheitsoper Fidelio auf - an einem düsteren Ort. In dem Klinkerbau mit den hohen Mauern, dem Stacheldraht, dem engen Hof und den Eisengittern vor den Fenstern hielt die DDR zahlreiche Regimegegner gefangen. Heute ist es eine Gedenkstätte, die vom Menschenrechtszentrum Cottbus betrieben wird.

Die Premiere verläuft famos. Das Publikum ist international, darunter zahlreiche ehemalige Häftlinge, denen die Tränen in den Augen stehen. Unter den Gästen auch Berta Soler, die vor der Aufführung für die Durchsetzung von Menschenrechten in Kuba wirbt. Kulturstaatssekretärin Monika Grütters übereicht ihr einen Scheck. Cottbuser haben für die "Damen in Weiß", deren Sprecherin Berta Soler ist, 6500 Euro gesammelt.

In Kuba geht Berta Soler schon seit Jahren wöchentlich zum Protest auf die Straße. Jeden Sonntag nach der Messe in der Kirche Santa Rita de Casia trifft sie sich mit anderen Frauen und demonstriert gegen die Menschenrechtslage in Kuba. Das Erkennungszeichen der "Damen in Weiß", zu denen sich in Kuba circa 300 Frauen bekennen: weiß gekleidet, in den Händen eine Gladiole tragend.

Die Gruppe gibt es seit 2003. Damals schlossen sich die Angehörigen regierungskritischer Journalisten, Politikern und Menschenrechtsaktivisten zusammen, die während des sogenannten "Schwarzen Frühlings" verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Zu den Gefangenen gehörte auch Angel Moya Acosta, Berta Solers Ehemann.

Kuba, heute

Für Touristen ist Kuba keineswegs ein abschreckendes Land, und im Vergleich zu anderen Karibikstaaten steht es in einigen Lebensbereichen sehr gut da. Die Gesundheitsversorgung ist kostenlos, das Bildungssystem funktioniert. Bei internationalen Hilfseinsätzen wie zuletzt bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie nimmt Kuba eine führende Rolle ein. Es leidet allerdings seit 1960 unter dem auch in den Vereinigten Staaten durchaus umstrittenen Embargo. Das Warenangebot ist karg. Trotz der miserablen Lage strahlen die Menschen Lebensfreude und Witz aus. Einige sanierte Straßenzüge und Plätze lassen erahnen, welche Schönheit in der Hauptstadt steckt, der es allerdings an Investoren fehlt.

Und das ist die Schattenseite des Landes, gegen die nicht nur die "Damen in Weiß" aufbegehren. Eigeninitiative lohnt sich in dem von der kommunistischen Partei geführten Land nicht. Die Meinungsfreiheit herrscht nur bis zu einer gewissen Grenze, was sich an den rund hundert politischen Dauer-Gefangenen ablesen lässt. Die Handels- und Unternehmensfreiheit ist extrem begrenzt. Wenn die Menschen Brot, Reis und Bohnen brauchen, müssen sie auf Bezugsscheine zurückgreifen, die der Staat ihnen ausstellt. Politische Akteure, die die Vorherrschaft der Einheitspartei infrage stellen, haben keine Chance und müssen mit Repressalien rechnen. Martin Lessenthin von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) schätzt, dass sich zurzeit 100 Kubaner aus politischen Gründen in Dauerhaft befinden.

Havanna, im November

An einem warmen Novemberabend rufe ich Berta Soler an. Wir haben einen Code verabredet, weil ihr Telefon abgehört wird. Ich stelle mich als Freund einer Freundin aus Madrid vor. Wir werden uns nicht im Hotel sehen, denn das Risiko, dort abgehört zu werden, ist hoch. Sie macht den Vorschlag, uns an einem belebten Platz in der Innenstadt zu treffen.

Am nächsten Morgen kommt sie tatsächlich. Mit ihrem Mann steht sie zwischen den Bäumen des Parque Central und lächelt mir zu. Wie besprochen trägt sie eine rosafarbene Bluse und eine weinrote Hose, ihr Mann ein blaues Hemd. Wir begrüßen uns kurz und laufen ein paar Schritte bis zu einer Parkbank, wo wie uns im Schatten der Bäume niederlassen und unser Gespräch beginnen. Der junge Mann mit der Schirmmütze läuft an uns vorbei und lässt sich etwa 50 Meter entfernt von uns nieder. Vielleicht ist es der Argwohn, der ihn in unseren Augen zu einem Beschatter macht, vielleicht gehört er aber tatsächlich zur Geheimpolizei. Niemand wird es je erfahren.

Bertas Mann saß bereits vier Mal im Gefängnis, insgesamt verbrachte er zehn Jahre seines Lebens hinter Gittern. 2011 wurde er unter strengen Auflagen entlassen. Angel Moya Acosta macht einen ruhigen Eindruck, doch als wir auf die Zeit seiner Gefangenschaft zu sprechen kommen, flackern seine Augen und er wirkt äußerst nervös. Die Übelkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, als er von den Mahlzeiten spricht. Er findet nur ein Wort dafür: "Menschenunwürdig." Wer im Gefängnis krank wurde, erzählt er, hatte Pech, denn von der staatlicherseits hochgelobten medizinischen Versorgung sei im Gefängnis nichts zu spüren gewesen. Das Schlimmste aber sei die permanente Bedrohung durch echte Kriminelle gewesen. Schläge und Misshandlungen gehörten zum Gefangenenalltag. Auch wenn Angel Moya Acosta nicht mehr im Gefängnis sitzt, ist die Angst sein ständiger Begleiter. Das gibt er offen zu. Und wieder blickt er nervös um sich.

Menschenrechte - Gefängnistage

Berta Soler dagegen zeigt keine Angst, sie lacht sogar: Nein, sie fürchte das Gefängnis nicht, weil sie doch für die richtige Sache kämpfe. Sie betont, keiner politischen Bewegung anzugehören, sondern sich einfach nur für die Menschenrechte einzusetzen. Gleichzeitig macht sie aber auch klar: "Wir wollen die kubanische Misere lösen und das heißt, wir wollen ein anderes politisches System." Sie ist davon überzeugt, dass mindestens 70 Prozent der Kubaner wie sie denken - die übrigen 30 Prozent gehörten zu den Nutznießern des Systems.

Die Forderungen der mutigen Regimekritikerin sind einfach: Die Welt soll erfahren, dass es Menschen in Kuba gibt, die gegen die Unterdrückung durch den Staat friedlich aufbegehren. Vehement fordert sie die Freilassung der politischen Gefangenen. Vor einigen Tagen wurde sie nun selbst verhaftet.

Es war der 10. Dezember 1948, da verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen den Tag der Menschenrechte, der seitdem Jahr für Jahr auf massive Verfehlungen aufmerksam macht. In Kuba ist es ein Tag der Opposition, die dort auf die Straße geht und für ihre Sache wirbt. Und ein Tag der Polizei, die die Oppositionellen einsammelt - in diesem Jahr allein 72 von den "Damen in Weiß", wie die LAUSITZER RUNDSCHAU aus zuverlässiger Quelle erfuhr. Auch die spanische Zeitung El Pais berichtete. Sie bezieht sich auf die oppositionelle "Patriotische Union Kubas", derzufolge die meisten der Festgenommenen in den Abendstunden wieder freigelassen wurden. Das passt in ein Schema, das auch der Menschenrechtsorganisation Amnesty International aufgefallen ist. Die kubanische Regierung verfolge seit einigen Jahren die Strategie, Oppositionelle stunden- oder tageweise festzuhalten - ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne nachvollziehbaren Grund. Eine Tortur ohne Gerichtsverfahren.

An diesem 10. Dezember traf es Berta Soler. Sieben Stunden wurde sie festgehalten. Körperlich und mental soll es ihr gut gehen. Sollte ich sie eines Tages wiedersehen - ob sie dann noch immer angstfrei lachen kann?

Es gäbe einen Ausweg: Viele Kubaner fliehen, sehr viele setzen sich mit dem Boot in den Norden ab, wo sie in Florida landen. Wenn sie nicht unterwegs in der Karibik ertrinken. Für Berta Soler wäre es möglicherweise einfacher. Sie bekommt viele Einladungen aus dem Ausland, hat Freunde und Unterstützer in den USA und Europa. Sie müsste einfach nur wegbleiben. Aber das schließt sie aus: "Wir gehen nicht weg. Das ist unser Land." Sagte sie im November, als wir uns im Parque Central trafen. Das war vor ihrer Verhaftung.

Das Tagebuch von Johannes M. Fischer über seine Karibik reise und seine Begegnung mit Berta Soler lesen Sie hier: www.lr-online.de/aufderinsel