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Eine Cottbuserin mit Mission in Kurdistan

Dohuk/Alqosh/Shekhan/Cottbus. Das Menschenrechtszentrum Cottbus hat eine Hilfsaktion im Nordirak organisiert. Was einmalig sein sollte, wurde prompt zum Dauereinsatz. Immer dabei sind Ärzte, aber auch Sylvia Wähling. Die Geschäftsführerin hat eine Mission. Die RUNDSCHAU begleitet sie dabei. Peggy Kompalla

Die Chefin des Cottbuser Menschenrechtszentrums kennt keine Angst. So scheint es. So tritt sie auf. Sie ist voller Energie und scheut keine Herausforderung, keine Frage, kein Wortgefecht. Manchmal sorgt diese Hartnäckigkeit für Irritation bei ihrem Gegenüber - meist den Männern. Ihr herzliches Lachen, bei dem alle Zähne aufblitzen, hilft dann. Aber nur manchmal. Manchmal will sie das gar nicht. Beste Voraussetzung also für ihre Mission in Kurdistan.

Die autonome Region im Nordirak steckt zwischen den Fronten - im wahrsten Sinne. Zum einen stellt die kurdische Armee, die Peshmerga, die einzigen Bodentruppen gegen die Terror-Milizen des Islamischen Staates (IS). Zum anderen wächst der politische Druck - von der Zentralregierung in Bagdad, aber auch von den Nachbarn, der Türkei, Syrien und dem Iran. Die autonome Region zählt rund 5,5 Millionen Einwohner und knapp zwei Millionen Flüchtlinge. Die meisten Geflohenen sind Iraker. Sie alle wurden vom IS aus ihren angestammten Gebieten vertrieben.

Aber auch aus dem bürgerkriegsumtobten Syrien finden Menschen Zuflucht im Nordirak. Jüngst war Sylvia Wähling zum dritten Mal in Kurdistan. Aber warum wendet sich das Menschenrechtszentrum Cottbus - das zunächst eine Gedenkstätte für das ehemalige Zuchthaus ist - ausgerechnet dem Nordirak zu? "Im vergangenen Jahr waren 70 Jahre Kriegsende und Vertreibung in Europa das Thema", sagt die Cottbuserin. "Und angesichts der vielen Flüchtlinge, die sich auf den Weg nach Europa machten, war es nur logisch, den Blick in den Nahen Osten zu richten. Denn dort herrschen heute Krieg und Vertreibung."

So organisierte Sylvia Wähling, die zudem zum Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) gehört, im Oktober 2015 eine erste Hilfsaktion. Im Dezember folgte eine zweite, im März 2016 nun die dritte. Immer sind Ärzte dabei. Sie arbeiten in den Flüchtlingslagern - von denen es allein rund um die Großstadt Dohuk 22 gibt. Sie bringen Medikamente mit, behandeln die Menschen.

Derweil redet Sylvia Wähling. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Auch wenn sich die Cottbuserin nicht als Politikerin versteht, zwischen Dohuk und der kurdischen Hauptstadt Erbil wird sie so wahrgenommen, als Botschafterin und Botenträgerin.

Ihre Gesprächspartner - Lokal- und Regierungspolitiker, Rechtsanwälte, Peshmerga, Unternehmer, Helfer, Geistliche - sie alle richten ihre Botschaften an sie, in der Hoffnung, dass sie sie versteht und weiterträgt - nach Deutschland. Letztendlich geht es um Wissen, um Verständnis für die Bedürfnisse Kurdistans.

Dabei überrascht das Land im Gegensatz zu seinen Nachbarn. Es ist islamisch geprägt und gemäßigt - eine Kombination, die in der europäischen Vorstellung nicht zusammenpasst. Und doch können die religiösen und ethnischen Minderheiten weitestgehend ungestört ihre Traditionen leben. Christliche Gotteshäuser und jesidische Tempel stehen in Nachbarschaft zu den Moscheen. Nicht ohne Grund fühlen sich zwei Millionen Geflüchtete in der autonomen Region sicher.

Baba Sheikh ist das geistliche Oberhaupt der Jesiden und empfängt Sylvia Wähling in seinem Haus in Shekhan. Er erklärt: "Kurdistan ist ein Garten mit vielen Blumen darin. Hier können Christen, Jesiden und Sunniten miteinander leben."

Trotzdem treiben Pater Gabriel große Sorgen. Er führt die Gemeinde der christlichen Stadt Alqosh. "Die Jesiden und Christen sind ein alter Baum, den man nicht mehr verpflanzen kann. Aber unsere Zukunft ist bedroht durch die Da'esh." Mit dieser abfälligen Bezeichnung meint er den IS. "Wenn wir nicht aufpassen, wird der Baum sterben. Wir glauben nicht, dass ihn die arabischen Länder am Leben erhalten."

"Die Bedrohung ist gegenwärtig. Nur fünf Kilometer entfernt von der mächtigen Kirche mit dem beleuchteten Kreuz in Alqosh verläuft die Front zum IS, der Christen und Jesiden für Teufelsanbeter hält, tötet und vertreibt. Der Druck von innen und außen auf Kurdistan sei enorm, erklärt Pater Gabriel. "Wir leben von Tag zu Tag. Wir wissen nicht, was morgen passiert. Unsere einzige Hoffnung ist Gott." Emanuel Youkhana ist da anderer Meinung. "Kurdistan ist die einzige Hoffnung für das Christentum im Irak", sagt der Geistliche mit Nachdruck. Er ist der Leiter der christlichen Hilfsorganisation Capni mit Sitz in Dohuk. "Kurdistan ist wie eine Insel umgeben von Extremisten und Diktatoren." Trotzdem sei auch in Kurdistan nicht alles gerecht. "Wir vermissen das Gefühl der Partnerschaft." So werde in der Schule nichts über die religiösen Minderheiten gelehrt, auch in der Gerichtsbarkeit herrsche keine Gleichheit, da der Islam die Verfassung bestimmt. Emanuel Youkhana wünscht sich deshalb eine Trennung von Religion und Staat. Unter vielen Politikern habe sich diese Erkenntnis durchgesetzt, aber die Menschen seien noch nicht so weit. "Der Islam muss von den Moslems reformiert werden", fordert er.

Das geschieht längst, wie ein Besuch bei Mullah Ahsan beweist. "Wenn mich jemand fragt, ob ich mir ein islamisches oder demokratisches Land wünsche, würde ich antworten, dass ich ein kurdisch-demokratisches Land bevorzuge", erklärt der islamische Geistliche. Sylvia Wähling sitzt ihm gegenüber.

An ihrem Revers trägt sie stets ein winziges silbernes Kreuz. Das legt sie auch in Kurdistan nicht ab. "Religion mit Zwang funktioniert nicht", fügt der Mullah an, der Vorsitzender des Verbandes der Mullah von Dohuk ist. "Wer gehen will, soll gehen." Ein erstaunlicher Satz in einem Land, in dem die Sharia - das islamische Gesetz - Religion, Politik und Alltag bestimmt und Grundlage der Verfassung ist.

Sylvia Wähling erlebt immer wieder solche Überraschungen in Kurdistan. Sie trifft Konvertiten und Atheisten oder Peshmerga, die in einem christlichen Dorf Quartier bezogen haben und ganz selbstverständlich unter Kruzifix und Abendmahl auf ihren Pritschen schlafen. "Es herrscht eine unheimliche Vielfalt in Kurdistan", sagt Sylvia Wähling. "Das Land ist in Bewegung. Es lohnt sich, die Menschen hier zu unterstützen."

Diese Botschaft trägt sie weiter. Sie schreibt Berichte und Briefe - an Politiker und Verbände und auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Zum Thema:
Sylvia Wähling hält am Donnerstag, 14. April, um 19 Uhr im Menschenrechtszentrum Cottbus (Bautzener Straße 140) einen Vortrag mit dem Titel "Irakisches Kurdistan - Lage und Perspektiven". An dem jüngsten Hilfseinsatz war auch die Cottbuser Ärtzin Dr. Liv Fünfgeld beteiligt. Sie wird an dem Abend ebenfalls von ihren Erfahrungen berichten.