Bücher über Bücher: Die Oberlausitzsche Bibliothek der Wissenschaften Görlitz hütet einen besonderen Schatz – nicht nur in geistiger Hinsicht. Der historische Büchersaal in einem frisch sanierten Barockhaus am Untermarkt lässt erahnen, in welchem Ambiente Gelehrte Anfang des 19. Jahrhunderts Wissen schöpften und sammelten. „Wir sind die deutsche Bibliothek mit dem schönsten Außenmagazin“, lacht Leiter Matthias Wenzel. Den mit 23 000 Bänden prall gefüllten Fichtenregalen kommen aber nur noch seine Mitarbeiter ganz nah. Arbeitstische, Lampen oder Stühle sucht der Besucher vergebens.

Wahre Schätze

Der 1804 eingerichtete Raum kann nur von Weitem besichtigt werden. Dann geht der Blick von einer gläsernen Schranke aus durch vier kunstvoll gestaltete Bogenregale aus Fichtenholz auf eine Bücherwand. Längs der Achse über dem Parkettboden biegen sich die Bretter unter Bänden mit goldgeprägten Lederrücken, kostbarem Pergament oder verzierter Pappe. Dreieinhalb Meter hoch türmen sich Bücher unter der reich verzierten und bemalten Stuckdecke. Schmiedeeiserne Anker halten die fast zu zart erscheinenden Regale in der Beletage des früheren Stadtpalais eines Leinwandhändlers.

Der Bestand der Regionalbibliothek umfasst 140 000 Bände, darunter wahre Schätze von überregionaler Bedeutung wie das erste gedruckte Buch in einer ostslawischen Sprache. Übersetzer, Herausgeber und Drucker der „Russischen Bibel“ war Francysk Skaryna (1486-1541), einer der wichtigsten Persönlichkeiten der weißrussischen Kultur. Die 1517 bis 1519 gedruckte Bibel entstand als eines der ersten Bücher mit kyrillischen Lettern.

„Für Russen ist das Gutenberg und Luther in einer Person“, sagt Wenzel. Weltweit gebe es nur noch ein paar Dutzend Exemplare. Die Görlitzer Ausgabe mit Ledereinband enthält auch teilweise kolorierte Holzschnitte.

Kuriositäten im Bestand

Die Görlitzer verwahren auch die umfangreichste Sammlung zu dem Mystiker und Theosophen Jacob Böhme (1575-1612). Forschern und Interessierten aus aller Welt können mehr als 1500 Monografien und Aufsätze zur Verfügung gestellt werden, sagt Wenzel.

Auch Anhänger der noch in den USA existenten Schwenckfeldianer werden an der östlichen Außengrenze Deutschlands fündig. „Wir haben die Schriften des Reformators Kaspar Schwenckfeld.“ Anhänger seiner Lehre gründeten nach dessen Tod eine freikirchliche Glaubensgemeinschaft, viele von ihnen wanderten im 18. Jahrhundert nach Amerika aus.

Zu den Kuriositäten gehören zwei Büchlein von 1765, in denen Versuche dokumentiert sind, Papier aus anderem Material als Lumpen zu schöpfen. „Da wurden die absonderlichsten Varianten getestet“, sagt Wenzel. So finden sich Papiermuster, die unter Verwendung von Wespennestern und Kletten, Hopfenranken, Moos, Torf, Brennnesseln oder Disteln hergestellt wurden. Rund 800 Nutzer im Jahr tauchen in die Geschichte der Oberlausitz und Niederschlesiens zwischen Dresden und Breslau, Riesengebirge und Spreewald ein – allerdings noch im schmucklosen DDR-Zweckbau.

Der neue Lesesaal im hinteren Teil des Barockhauses nahe bei den Originalquellen ist noch Zukunftsmusik. In den Sternen steht ebenso, ob jemals die bedeutendsten Teile des Bestandes zurückkehren. „Uns fehlen sämtliche mittelalterlichen und Handschriften der Renaissance sowie rund 300 Inkunabeln der Gutenbergzeit“, sagt Wenzel. Sie waren im Zweiten Weltkrieg in Herrenhäuser und Schlösser östlich der Neiße ausgelagert, geschätzte rund 15 000 Bände befinden sich dort.

Wenzel lobt die Kooperation auf fachlicher Ebene. „Alles andere ist politisches Terrain.“