Ohne berittene Polizei und Sicherheitsdienst wäre die Abfahrt aus der Präsidentenresidenz in Jerusalem im Chaos geendet, kabelte Pauls am 19. August 1965 ans Auswärtige Amt. Auch seinem israelischen "Pendant" Asher Ben Natan schlug Tage später in Bonn nur wenig Herzlichkeit entgegen. "Der Empfang war außerordentlich kühl", erinnert sich der 84-Jährige. Heute jährt sich der Tag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zum 40. Mal.
Auch vier Jahrzehnte nach diesem "Brückenschlag" ist das Verhältnis zwischen beiden Ländern sehr komplex. Es hat sich zwar mit den Jahren erheblich entspannt, ist aber von einer "Normalität" noch weit entfernt. Politisch ist Deutschland in Europa inzwischen Israels wichtigster Verbündeter und wirtschaftlich hinter den USA Handelspartner Nummer zwei. Jenseits der Politik hat sich ein enges Geflecht persönlicher und kultureller Beziehungen zwischen Menschen in den beiden Staaten herausgebildet, die das "besondere Verhältnis" mit Leben erfüllen.
"Eigentlich war die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen das Ergebnis einer Krise", sagt Ben Natan. Kurz vor dem Austausch der Botschafter hatte das Bekanntwerden deutscher Waffenlieferungen an Israel erhebliche Verärgerung in der arabischen Welt ausgelöst. Der empörte ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser beantwortete diesen Affront mit einem Empfang von DDR-Staatschef Walter Ulbricht. Damit unterlief er das Bestreben Bonns, die deutschen Interessen in aller Welt allein zu vertreten. Bundeskanzler Ludwig Erhard reagierte prompt und bot gegen Widerstände in den eigenen Reihen Israel die Aufnahme diplomatischer Beziehungen an. Ben Natan: "Das war eine einsame Entscheidung."
Den Grundstein hatten zuvor in jahrelanger Arbeit mit aller Vorsicht Erhards Vorgänger Konrad Adenauer und Israels Regierungschef David Ben Gurion gelegt. Schon 1952 schlossen beide Seiten einen Wiedergutmachungsvertrag, der Zahlungen von 3,45 Milliarden DM in zwölf Jahresraten vorsah. Erstmals trafen die Staatsmänner am 14. März 1960 - 15 Jahre nach Kriegsende - im Waldorf Astoria Hotel in New York aufeinander.
Das Treffen hatte eigentlich geheim bleiben sollen, was aber auf Grund des internationalen Medieninteresses gründlich misslang. Ein US-Fotojournalist beschrieb damals die Bedeutung des historischen Treffens mit seinen Worten: "Nur ein Foto von Prinzessin Margaret mit dem sowjetischen Staatschef Chruschtschow vor dem Traualtar wäre noch spektakulärer."
Damals wie heute sind die Beziehungen beider Länder nicht denkbar ohne den Holocaust, der auf hebräisch Shoa heißt und Zerstörung/Katastrophe bedeutet. Sechs Millionen Juden fielen dem Nazi-Terror zum Opfer. "Wer hätte nach dem Menschheitsverbrechen der Shoah, nach dem unendlichen Leid, das Deutsche über die Juden Deutschlands und Europas gebracht haben, zu hoffen gewagt, dass bilaterale Beziehungen, ja auch nur irgendeine Art von Verhältnis zwischen Deutschland und Israel möglich sein würde", fragt der in Israel geachtete deutsche Außenminister Joschka Fischer und zitiert quasi als Antwort Ben Gurion: "Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist."
"Wenn Fischer über den Holocaust spricht, dann spürt man, dass es wirklich von Herzen kommt", sagt Mark Regev, Sprecher des israelischen Außenministeriums. "Wir sind alle Diplomaten, aber hier merkt man eine ehrliche und persönliche Hinwendung." Das Verhältnis beider Länder sei "gut und stabil", meint der Sohn eines Holocaust-Überlebenden. "Aber zweifellos schwingt die Geschichte immer im Hintergrund mit."
Immer wieder wird die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1965 mit dem Sinnbild einer verbindenden Brücke verglichen, auf der sich Israel und Deutschland nach den Jahren der Nazi-Barbarei annähern sollten. Auch der 84-jährige Asher Ben Natan nutzt die Metapher: "Eine Brücke baut man nur, wenn man einen Abgrund überwinden will. Aber der Abgrund ist von der Brücke stets zu sehen. Die Vergangenheit kann nicht ausgeklammert werden."