Doch in der kommenden Woche gehen die Jahrzehnte der Isolation zu Ende: Am Dienstag wird die 1160 Meter lange Brücke eröffnet, die Sorok mit der Hafenstadt Nokdong auf dem südkoreanischen Festland verbindet. Doch für Park ist dies kein Anlass zur Freude. "Was, wenn Diebe sich über die Brücke einschleichen?", fragt besorgt die 84-Jährige, die inzwischen blind ist und beide Hände und Beine verloren hat.
Vor 90 Jahren gründeten die japanischen Machthaber das Lager auf der Insel. Gefangene und Kranke aus ganz Korea wurden dorthin verfrachtet und grausam behandelt. Das Essen war schlecht und viel zu wenig, es gab kaum medizinische Behandlung. Aber am schlimmsten war die Zwangsarbeit. Die Kranken mussten Ziegel brennen, Häuser bauen und mit Stroh weben. Sie seien geschlagen und gefoltert worden, erzählt Jang In-Sim. Die 69-Jährige war früher selbst Patientin, heute führt sie durch das Museum der Insel.

Zwangsabtreibungen
Der 87 Jahre alte Chang Ki-Jin wiederum wurde 1942 auf die Insel gebracht. Er erinnert sich, wie er gezwungen wurde, von morgens bis abends zu arbeiten. Als der Christ sich weigerte, einen japanischen Schrein zu besuchen, wurde er zwei Wochen lang eingesperrt. "Sie zogen mich aus und schlugen mich, bis ich bewusstlos war. Dann schütteten sie kaltes Wasser über mich und schlugen mich weiter."
Auch nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft 1945 gingen die Misshandlungen weiter bis 1963. "Wir wurden schlimmer als Tiere behandelt", sagt Chang. Er durfte 1972 erst heiraten, nachdem er sich sterilisieren hatte lassen. Die Japaner zwangen schwangere Patientinnen abzutreiben. Nach dem Korea-Krieg waren Geburten dann erlaubt, doch wurden die Babys ihren Müttern weggenommen.

Kranke legten Park an
Der Insel ist die brutale Vergangenheit nicht anzusehen. Die Strände sind wunderschön, durch die Kiefernwälder streichen Hirsche. Abseits vom Krankenhaus liegt ein prächtiger Park, der täglich Hunderte Touristen anzieht. "Kein Gesunder hat einen Finger gekrümmt, um diesen Park anzulegen. Das haben alles siechende Leprakranke gemacht", sagt Museumsführerin Jang.
Heute werden die verbliebenen 645 Lepra-Patienten auf der Insel gut versorgt. 190 Ärzte und Pfleger kümmern sich um sie, Behandlung und Verpflegung sind kostenlos. Schwer Kranke sind im Krankenhaus untergebracht, andere leben in eigenen Häusern. "Wir sprechen nicht von Patienten, sondern nennen sie Großmutter oder Großvater", sagt Schwester Chang Ki-Ok.
Keiner der Kranken ist mehr ansteckend, die von Bakterien ausgelöste Infektionskrankheit kann heute mit Antibiotika gut behandelt werden. Dennoch stoßen die Patienten bis heute auf Ablehnung. In Restaurants auf dem Festland werden sie nicht bedient, Wäschereien weigern sich, ihre Wäsche anzunehmen. "Wir haben sie immer weggesperrt. Ich weiß, dass sie nicht mehr ansteckend sind, aber ich fühle mich immer noch unwohl wegen ihres schrecklichen Aussehens", sagt Jun Chun-Rul, Besitzer eines Hotels auf dem Festland mit Blick auf die Insel.
Krankenhaussprecher Kim Kwang-Moon kennt solche Meinungen. Er hofft, dass die Brücke das Verhältnis zwischen Kranken und Gesunden verbessert. "Ich hoffe, dass die Brücke helfen wird, die Vorurteile gegenüber den Bewohnern von Sorok abzubauen."