Die Übernahme der NVA durch die Bundeswehr verlief weit gehend kollegial. „Bis null Uhr des 3. Oktober 1990 haben die Neuen draußen vor dem Tor gewartet, dann kamen sie rein und wurden vorgestellt“ , erinnert sich Heinz Bohlig, der damals in der Kaserne Geltow bei Potsdam Bauprojekte der Landstreitkräfte abwickelte. „Am Morgen saßen plötzlich Leute in anderen Uniformen da und man übergab die Dienstaufgaben.“
Durch einen Befehl hatte zuvor der letzte DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann, evangelischer Pfarrer und Bürgerrechtler, die Soldaten von ihrem Eid entbunden. Am Fahnenmast des Appellplatzes wich der Ährenkranz dem Bundesadler. Rund 9000 Offiziere übernahm die Bundeswehr, für Eppelmann ist dies „vollzogene Einheit Deutschlands“ . Andere kamen in der Wirtschaft unter. Noch heute treffen sich Altkader der NVA privat in Hinterzimmern oder auf Foren des Bundeswehrverbandes.
Schon die Geburt der DDR-Armee ging vergleichsweise still vonstatten: Anfang der 50er-Jahre hatte sich deren Keimzelle, die Kasernierte Volkspolizei (KVP), schleichend militarisiert. Die Sowjets lieferten Panzer, durch Sperrholzverschalungen getarnt. Das Volk sollte nicht beunruhigt werden. „In der ersten Zeit rückten wir aus der Kaserne aus, die MGs in Decken gewickelt“ , erzählt der spätere Chef eines Pionierbataillons.
Mit der Zeit wurde die NVA mit ihren zuletzt rund 200 000 Mann aber zur „Stütze des DDR-Systems“ , betont Eppelmann, heute Vorsitzender der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Vergangenheit“ . 98 Prozent der Offiziere gehörten der SED an. Zudem war die Armee durch militärische Ausbildung an Schule, Universität und in Betrieben tief in der Gesellschaft verwurzelt. Immerhin: Als einzige der Ostblock-Armeen gab es seit 1964 mit den „Bausoldaten“ einen waffenlosen Militärdienst.
Die NVA führte niemals Krieg, „wurde aber gesteuert von einer Spitze, die das durchaus getan hätte“ , sagt Eppelmann. Im Auftrag der Sowjets wäre die DDR-Armee 1968 auch gegen die Demonstranten des „Prager Frühlings“ oder später gegen die polnische „Solidarnosc“ -Bewegung aufmarschiert. In Szenarien für die Eroberung des Westens war sogar festgelegt, wer Posten wie den des Kölner Oberbürgermeisters erhalten solle. Ebenso lagerten Straßenschilder, „um der NVA das Fahren durch die Niederlande zu erleichtern“ .