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Einbrüche, Tote und Schmelzperlen

Kriminaloberkommissarin Daniela und Kollege Raik, der derzeit beim Kriminaldauerdienst am Cottbuser Standort hospitiert, nehmen ein abgebranntes Auto unter die Lupe, um zu untersuchen, ob Brandstiftung oder ein technischer Defekt als Brand-Auslöser infrage kommen.
Kriminaloberkommissarin Daniela und Kollege Raik, der derzeit beim Kriminaldauerdienst am Cottbuser Standort hospitiert, nehmen ein abgebranntes Auto unter die Lupe, um zu untersuchen, ob Brandstiftung oder ein technischer Defekt als Brand-Auslöser infrage kommen. FOTO: Schauff
Cottbus. Bei mittelschweren und schweren Delikten rückt der Kriminaldauerdienst in und um Cottbus aus. Bei Einbrüchen oder ungeklärten Todesfällen werden die Kriminalisten gerufen. Die LAUSITZER RUNDSCHAU hat sie einen Tag lang bei ihrer Arbeit begleitet. Lydia Schauff

Daniela nimmt die Lupe, dreht den verschmorten Kabelrest hin und her und hält ihn dann ihrem Kollegen Raik hin: "Das ist doch so eine Schmelzperle, oder?" Beide sind nicht sicher, packen Kabelreste zur Spurensicherung in ein Kunststofftütchen, damit der Kollege von der Brandermittlung noch einmal draufschauen kann. Daniela ist Kriminaloberkommissarin beim Kriminaldauerdienst, kurz KDD, mit Sitz in Cottbus als Teil der Kriminalpolizei der Brandenburger Polizeidirektion Süd.

Auch in Finsterwalde und Königs Wusterhausen hat der KDD jeweils einen Sitz, sonst würde ein Großteil der Arbeitszeit für die Fahrt quer durch Südbrandenburg von Tatort zu Tatort draufgehen. Trotzdem kommt Daniela viel rum.

Ihr Nachname und der ihres Kollegen werden auf Bitten der beiden weggelassen, und auch an anderen Stellen muss dieser Artikel manchmal vage bleiben, um Polizei-Ermittlungen nicht zu gefährden.

Gerade beugen sich Daniela und Raik - der eigentlich im Wach- und Wechseldienst, soll heißen als Streifenpolizist, arbeitet und gerade beim KDD hospitiert - auf dem Hof einer Autowerkstatt über ein völlig abgebranntes Auto.

Überall ist Asche, Kunststoffteile sind geschmolzen, das Stahlgewebe der Autoreifen sprießt heraus, die Scheiben sind geborsten. Das ganze Auto ist ein schwarz-bunter zusammengeschmolzener Wust. Ein säuerlicher, rußiger Geruch liegt in der Luft. Daniela fotografiert das Auto, von innen, von vorne, von hinten.

Um zu klären, ob das Auto aufgrund eines technischen Defekts abgebrannt ist oder angezündet wurde, werden die Strom führenden Kabel untersucht. Schmelzperlen, kupferne und kugelförmige Verschmelzungen mehrerer Kabelstränge an den Enden gerissener Kabel, können auf einen technischen Defekt hinweisen.

Daniela und Raik finden ein paar davon, doch es sind nur sekundäre Schmelzperlen, wie der Kollege aus dem Bereich Brandermittlung ihnen später erklären wird, also Schmelzperlen, die durch die Hitzeentwicklung beim Brand entstanden sind. Neben den Kabeln landet auch Brandschutt vom Auto in einer silberfarbenen Spurensicherungstüte. "So kann noch nachgewiesen werden, ob eventuell Brandbeschleuniger im Spiel war", erklärt Daniela.

Sie arbeitet seit einem Jahr beim Kriminaldauerdienst in Cottbus, vorher war sie in einer anderen brandenburgischen Stadt, davor in Nordrhein-Westfalen. Seit 21 Jahren ist Daniela bei der Polizei, war auch schon als Streifenpolizistin unterwegs. Aus Neugier und weil sie sich beruflich weiterentwickeln will, hospitierte sie beim KDD und blieb schließlich, weil ihr diese Kriminalisten-Arbeit so gut gefiel.

Der KDD ist für den sogenannten "Ersten Angriff", meist bei mittelschweren bis schweren Verbrechen zuständig. Wird etwa ein Mord begangen, ist der Ablauf wie folgt: erst die Streifenpolizisten, dann der KDD, dann die Kommissare. Auch bei Wohnungseinbrüchen und Einbruchdiebstählen in Firmen und Behörden rückt der KDD aus. Erste Spuren werden gesichert. Dafür ist in der Regel ein Kriminaltechniker dabei. Zeugen und/oder mutmaßliche Täter werden vernommen.

Alle gesammelten Informationen und Hinweise werden gebündelt. Alles Gesehene, Gehörte und erste Erkenntnisse werden in einem Bericht zusammengefasst und an die jeweils zuständigen Kommissariate übergeben.

Dabei müssen die Ermittler so genau wie möglich sein, damit die Kollegen, die die Fälle weiterbearbeiten, alles Wichtige erfahren.

"Wir arbeiten tagfertig", sagt Daniela. Alle Fälle, zu denen der KDD gerufen wird, werden am gleichen Tag ans jeweilige Kommissariat weitergeleitet. Das heißt dann auch: sehr viel Schreibarbeit. Und die nimmt manchmal, je nach Schwere des Falls, mehr Zeit in Anspruch als die Arbeit am Tatort.

Doch Berichte hin oder her, Daniela ist gern beim KDD: "Die Arbeit ist abwechslungsreich und vielseitig, dadurch, dass nicht nur der Bürodienst, sondern auch der Außendienst dazugehören. Jeder Tag ist anders, jeder Tatort ist anders, jede Vernehmung ist anders, die Personen sind immer andere."

Arbeiten beim KDD heißt aber auch, den Tod immer vor Augen zu haben. Leichen gehören dazu. "Gestern hatten wir vier", sagt Raik. Ein Grund dafür ist, dass Notärzte, die zu Verstorbenen gerufen werden und deren mögliche Vorerkrankungen nicht kennen, als Todesursache meist "ungeklärt" angeben. Und jeder ungeklärte Todesfall ist eine Aufgabe für den KDD.

Vor Ort müssen die Ermittler genau hinschauen. Deutet irgendetwas auf einen unnatürlichen, einen gewaltsamen Tod hin? Das große Problem dabei: "Wenn Retter ihre Arbeit machen, werden viele Spuren vernichtet", sagt Daniela. Auch bei anderen Verbrechen mit Verletzten ist das ein großes Problem.

Jeder ungeklärte Todesfall erfordert einen hohen Aufwand: Erst müssen mögliche Spuren gesichert werden, dann heißt es, auf den Bestatter zu warten, der Leichnam muss beschlagnahmt und möglicherweise eine Obduktion, auch innere Leichenschau genannt, durchgeführt werden. Letztere wird vorgenommen, wenn sich Hinweise auf eine Fremdeinwirkung nicht gänzlich ausschließen lassen oder wenn der Leichnam nur so identifiziert werden kann.

Um ganz sicherzugehen, dass es beim Tod eines Menschen mit rechten Dingen zugegangen ist, ist vor der Einäscherung eines Leichnams eine zweite, äußere Leichenschau Pflicht, wie ein Mitarbeiter vom Cottbuser Krematorium berichtet.

Etwa 20 Särge stehen in der Halle des Krematoriums. Es ist eine seltsame Vorstellung, dass da 20 Verstorbene drin liegen, dass das einmal 20 Leben waren. Vier der Särge stehen bereit für die Einäscherung, einer ist bereits auf der Einfahrmaschine, die in den Kremierungsofen fährt, platziert.

Die anderen Särge sind "die Anlieferung von heute", wie der Krematoriumsmitarbeiter sagt. Der tägliche Umgang mit Toten ist wohl nur mit Sachlichkeit zu ertragen. "Wir haben hier schon Leichen in jedem Zustand gesehen", so der Krematoriumsmitarbeiter.

Während er das erzählt, dringen knirschende Laute nach oben. "Das ist unsere Aschemühle", so der Angestellte. Dort wird gemahlen, was nicht verbrennt, etwa die Knochen. Die Überreste, auch Zahngold, werden dann in eine Aschekapsel gegeben, die verplombt wird und dann in die Urne gesetzt wird. Große Teile wie künstliche Gelenke oder Implantate werden von speziell zertifizierten Unternehmen aufgekauft und recycelt. Die Einnahmen werden für gemeinnützige Zwecke gespendet.

55 Minuten dauert es mindestens, bis ein Mensch kremiert ist. Der Gasofen hat eine Mindesttemperatur von 850 Grad. Das ist Vorschrift. Die Kremierung läuft in dieser Zeit automatisch.

Erst danach können die Mitarbeiter des Krematoriums eingreifen, entscheiden, ob der Brennvorgang verlängert werden muss. "Wir hatten mal die Leiche einer 106-jährigen Frau. Bei ihr hat der Kremierungsvorgang zweieinhalb Stunden gedauert", berichtet der Krematoriumsmitarbeiter.

Die Tür von einem Nebenraum geht auf. "Jetzt wird es gleich unangenehm riechen", warnt der Mitarbeiter. In dem Kühlraum befinden sich Leichen, die zum Beispiel von der Polizei überführt wurden, und bei denen die Verwesung bereits eingesetzt hat. Der Geruch, der herausdringt, ist leicht faulig, gegoren. Unangenehm, aber nicht schlimm. "Das riecht wirklich nicht stark", sagt Daniela. Sie kenne das sehr viel schlimmer.

Wie hält man das aus? Ständig Leichen, ständig der Geruch, ständig der Tod? Indem es Alltag wird. "Wenn man das nicht mehr kann oder nicht mehr will, muss man aufhören", sagt Daniela. Sie kenne Kollegen, denen das zu viel war. Dennoch hatte auch Daniela schon Begegnungen mit dem Tod, die ihr nachhaltig in Erinnerung geblieben sind.

Etwa die Brandleiche bei einem Autounfall, die so verkohlt und mit dem Autositz verschmolzen war, dass sie von der Feuerwehr rausgeschnitten werden musste.

Oder der Fall einer Familie, die die Polizei gerufen hat, weil die Decke ihrer Altbauwohnung bröselte, Wasser heruntertropfte.

Es stellte sich heraus: Der Bewohner der Dachgeschosswohnung darüber war verstorben. Aufgrund der warmen Außentemperaturen verweste er rasend schnell, und die Körperflüssigkeit sonderte sich ab. Auch unzählige Maden hatten den Leichnam bereits besiedelt. "Das war wirklich eklig", erzählt Daniela und fügt an: "Im ‚Tatort' sehen die Leichen immer so schön aus."

Stimmt. Maden suchen Zuschauer von der Krimiserie "Tatort" vergeblich auf den Toten. Doch wo Fliegen hinkommen können, gibt es immer Leichen mit Maden.

Der Exkurs im Krematorium wird jäh unterbrochen. Eine Wohnungsdurchsuchung steht an. Wenig später schauen drei Beamte mit blauen Latexhandschuhen in die Schränke und Schubladen eines Verdächtigen. Es ist ein seltsames Gefühl, in einer fremden Wohnung zu stehen. "Das fand ich am Anfang auch komisch, aber man gewöhnt sich daran", sagt Raik. Nach und nach verschwinden USB-Sticks, Daten-CDs, ein Laptop, ein PC-Tower, Speicherkarten, Festplatten in durchsichtigen Plastiktüten oder in großen braunen Papiertüten, die der Spurensicherung dienen. Das alles müssen nun Computerexperten der Kripo auswerten, in der Hoffnung, etwas zu finden, was den Verdächtigen überführen kann.

Wird eine Wohnung durchsucht, während ein Verdächtiger im Gewahrsam ist, muss immer ein Zeuge dabei sein, um im Blick zu haben, ob die Polizisten etwas kaputtmachen. Das kann ein Nachbar oder Freund sein. Ist der Ort der Durchsuchung gleichzeitig der Tatort, ist das nicht der Fall.

Rund eineinhalb Stunden sind die Polizisten in der Wohnung, öffnen und schließen Schubladen, Türen, fotografieren, tüten ein, notieren.

Die Acht-Stunden-Schicht der beiden Kriminalbeamten neigt sich dem Ende entgegen. Zu einem Einbruch oder einem ungeklärten Todesfall werden die beiden Polizisten an diesem Tag nicht mehr gerufen. Der Tod macht kurz mal Pause. Bis zur nächsten Schicht.

Zum Thema:
Bei der Kriminalpolizei in Brandenburg sind 1982 Mitarbeiter beschäftigt, davon 511 beim Landeskriminalamt (LKA), 545 in den Kommissariaten der Polizeiinspektion und 926 bei der Kriminalpolizei in den Polizeidirektionen. Zur Kripo gehören die Kriminaltechnik und die Sachbearbeiter in den Kommissariaten. Die Kriminalisten werden bei mittelschweren bis schweren Delikten gerufen. Das LKA übernimmt auch Schwerstdelikte und Großschadensereignisse. Je nach Ausbildung, Spezialisierung und Aufgabenbereich sind die Kriminalbeamten zuständig für die Spurensicherung, die Zeugenbefragung, das Sichern von Fingerabdrücken, das Fotografieren der Tatorte oder die Untersuchung von Mikrospuren wie Textilfasern.Der Weg zur Kriminalpolizei führt meist über die Arbeit als Bereitschafts- und Schutzpolizist. Außerdem wechseln jährlich zehn bis 15 Absolventen der Polizeifachhochschule direkt zur Kripo. Der Brandenburger Polizei fehlt Personal, obwohl die Stellenzahl erhöht wurde. Ab 2018 werden jährlich etwa 300 den Dienst als Polizist antreten. Das reicht aber nicht, um alle Stellen zu besetzen, da zunehmend Polizisten in den Ruhestand gehen. 2017/ 2018 verrichten in Brandenburg 8250 Polizisten ihren Dienst (2016: 8113).