Doch die anhimmelnden Briefe oder Autogrammbitten kamen selten an, bei Panikrocker Udo auch dann nicht, als er 1987 Erich Honecker eine Lederjacke schenkte und dafür von diesem eine Schalmei bekam. Professionelle Trupps fingen das Allermeiste ab.

Eine ganze Abteilung, die sich mehr oder minder zufällig ,,M" nannte, widmete sich im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) einzig der flächendeckenden Postkontrolle. Obgleich auch die DDR-Verfassung in Artikel 31 ein Briefgeheimnis zusicherte, verrichteten allein im Bezirk Halle 154 Mitarbeiter nur einen Job: Sie durchforsteten Post, die in das kapitalistische Ausland ging oder von hier kam. In Leipzig waren es kaum weniger. Dabei interessierten freilich weniger Fanbriefe als vielmehr Fingerzeige auf Fluchtvorbereitungen, Schreiben an westliche Institutionen und Medien oder verbotene Presseprodukte.

Eile war geboten

Bei alledem war offenkundig stets Eile geboten. Die Schnüffelei sollte nicht auffallen. So durfte jene M-Post nicht länger als zwölf Stunden bei der Stasi verweilen, erzählt Angela Friedenberger, die in der Hallenser Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde das Archiv leitet. Bis heute geben hier über 288 000 mittlerweile verblasste A5-Kärtchen Auskunft über dieses Tun. In großen grauen Schränken im Keller des Hauses summieren sie sich zu 361 laufenden Metern.

Bislang waren die Zeugnisse dieser Überwachungswut für die Öffentlichkeit tabu. Doch am Samstag öffnen sich erstmals die Schotten. Anlass ist die jährliche Museumsnacht, die unter dem Titel ,,Schöne Nachbarin" wieder parallel in Leipzig und in Halle einlädt. In beiden Städten beteiligen sich daran von Jahr zu Jahr mehr Museen, Ausstellungen, Sammlungen, Gedenkstätten und Archive. Erstmals dabei sind beispielsweise ein unterirdischer Kommandobunker in Machen, in dem sich im Falle eines Atomkrieges die Leipziger SED-Bezirksführung verschanzt hätte, und die Bildungs- und Begegnungsstätte Deutsche Einheit im Genscher-Geburtshaus in Halle.

Aber auch jene Einrichtungen, die schon länger mit von der Partie sind, lassen sich für die stets bestens besuchte Museumsnacht etwas Neues einfallen. Und so lüften die Stasi-Unterlagenbehörden erstmals jene geheimen Postkeller. In vielen Karteitaschen stecken hier noch Mikrofilme von Postsendungen. Daneben finden sich auch Kopien von Personalausweisanträgen, wie sie die Stasi beispielsweise für Schriftproben verwendete. Diese hatte man sich - da auch nach DDR-Recht illegal - über verdeckte Zuträger in den Meldeämtern besorgt, weiß Angela Friedenberger. Auch in den Postämtern sortierten als Postler getarnte Stasi-Leute die Brief- und Kartenberge bereits vor - entweder nach Adressaten oder auch danach, was man für verdächtig hielt, etwa verkantet geklebte Briefmarken.

Unauffälligkeit war wichtig

Zu sehen sind auch speziell von der Staatssicherheit entwickelte vollautomatische Anlagen zum unauffälligen Verschließen der zuvor oft über Wasserdampf geöffneten Kuverts. In einer vertraulichen Verschlusssache des MfS von 1972 heißt es dazu, ,,der Verschluß erfolgt dadurch, dass auf die Leimstelle der geöffneten Klappe ein dem Klappwinkel entsprechender Abdruck mit Zweitleim ausgeführt wird. Anschließen wird der Brief gefaltet und gepresst".

Damit die Schnüffelei nicht aufflog, reparierten die Leute der M-Abteilungen sogar beschädigte Poststempel. Hierfür hielten sie ein Repertoire an Briefmarken und Poststempeln - auch westdeutscher Städte - vor, können die Besucher Samstagnacht etwa in Leipzigs ,,Runder Ecke" erfahren. Zudem gibt es zwischen 18 und ein Uhr Vorträge und Demonstrationen. Fachleute erläutern, wie man aus Papierschnipseln Dokumente rekonstruiert.