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"Ein wirklich historischer Schritt"

Joachim Gauck (l.) war der erste Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. In mühseliger Kleinarbeit wurden in Zirndorf (Bayern) "vorvernichtete" Stasi-Akten wiederhergestellt.
Joachim Gauck (l.) war der erste Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. In mühseliger Kleinarbeit wurden in Zirndorf (Bayern) "vorvernichtete" Stasi-Akten wiederhergestellt. FOTO: dpa
Berlin. Von einem historischen Schritt war die Rede. Vor 25 Jahren wurden die Stasi-Akten geöffnet. Als erste DDR-Oppositionelle lasen, was die Staatssicherheit über sie gesammelt hat, waren sie entsetzt über das Ausmaß. Bis heute beantragen Bürger einen Blick in die Vergangenheit. Jutta Schütz

Gefasst und gleichzeitig schockiert studierten sie dicke Akten. Die DDR-Bürgerrechtler Bärbel Bohley, Ulrike und Gerd Poppe, der Pfarrer Rainer Eppelmann und die Schriftsteller Lutz Rathenow und Sarah Kirsch gehörten zu den Ersten, die vor 25 Jahren in Berlin einen Blick in die Papiere wagten, die die Staatssicherheit über sie angelegt hatte. Am 2. Januar 1992 begann die neu gegründete Stasi-Unterlagen-Behörde mit der Herausgabe von Akten an Betroffene. "Die Akteneinsicht ist der erste Schritt zur Entgiftung", sagte Rathenow damals. Heute ist der 64-Jährige Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Sachsen. Anfangs hatten sich wohl die wenigsten das Ausmaß der gesammelten Daten vorstellen können. Eppelmann erfuhr, dass mehr als 40 Stasi-Spitzel auf ihn angesetzt waren. Ulrike Poppe zeigte sich enttäuscht über "missbrauchtes Vertrauen", Freunde hatten der Geheimpolizei über sie berichtet.

Das Recht auf persönliche Einsicht in die Akten war zuvor im Stasi-Unterlagen-Gesetz festgeschrieben worden. Schon am ersten Tag wurden in der neuen Behörde in Berlin rund 3000 Anträge ausgegeben. Der neue Behördenchef Joachim Gauck, heute Bundespräsident, sprach von einem "wirklich historischen Schritt". In den ostdeutschen Städten blieb indes der erwartete Ansturm zunächst aus.

Bis heute haben mehr als zwei Millionen Menschen in Papiere der Vergangenheit geblickt. Dafür wurden rund drei Millionen Anträge auf persönliche Akteneinsicht gestellt, so mancher beantragte dies mehrmals. Das hohe Interesse an den Akten hat in den vergangenen Jahren zwar etwas abgenommen. Doch allein in diesem Jahr beantragten bis Anfang Dezember noch rund 46 120 Menschen Einsicht in die Akten.

Wie Behördenchef Roland Jahn sagt, waren das knapp 13 200 Anträge weniger als im selben Vorjahreszeitraum. Es seien immer noch mehr als 4000 Anträge pro Monat. In 2015, dem 25. Jahr der Deutschen Einheit, wurden rund 62 500 Anträge auf persönliche Akteneinsicht gestellt. Zum Teil gebe es noch immer monatelange Wartezeiten auf Auskünfte. Das sei nicht zufriedenstellend, sagte der frühere DDR-Oppositionelle. "Wir tragen den Berg weiter ab." Seit dem Bestehen der Behörde wurden auch Millionen Mitarbeiter für den öffentlichen Dienst durch Anfragen bei der Behörde überprüft.

Dass es gelang, rechtsstaatlich mit der Hinterlassenschaft der DDR-Geheimpolizei umzugehen und deren Archive zu öffnen, sei weltweit erstmalig, hebt Jahn hervor. Nach dem Mauerfall retteten engagierte Bürgerrechtler und Demonstranten einen Großteil der Akten, Filme und Fotos vor der Vernichtung. Stasi-Offiziere hatten zum Schluss per Hand Unterlagen zerrissen, weil Reißwölfe heiß gelaufen waren.

In Tausenden Säcken lagern noch Papierschnipsel. Das Projekt zur virtuellen Rekonstruktion stockt. Erhalten blieben aber mehr als 111 Kilometer laufende Akten. Der künftige Umgang mit ihnen wird diskutiert. Auch für Forschung und Wissenschaft seien die Akten bis heute wichtig, teilt der Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Siegmund Ehrmann (SPD), mit. Er erinnert daran, dass der Zugang zu den Unterlagen und wer sie wie nutzen darf, in den 90er-Jahren "keineswegs unumstritten" gewesen sei. Gerade von der Regierung Helmut Kohls (CDU) habe es Bestrebungen gegeben, die Akten zu vernichten oder zumindest auf Jahre wegzuschließen. Doch die Akteure der friedlichen Revolution hätten sich durchgesetzt.

Trotz vieler Bestrebungen sei es bis heute nicht umfassend gelungen, die Leiden der Opfer von Zersetzung und Unterdrückung durch das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) anzuerkennen, sagt Ehrmann. Allein schon aus Respekt vor ihnen sei die Gesellschaft verpflichtet, dass die Akten auch künftig zugänglich sind.