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| 01:04 Uhr

Ein Wiedersehen mit dem guten Amerika

Jeder, der Anfang der 70er-Jahre in der DDR mindestens das Schulalter erreicht hatte, wird ihren Namen nie vergessen. Und nicht diese imposante Afro-Frisur. Von gunnar leue

In ihrer Mischung aus Gerechtigkeitskämpferin und Frau mit exotischer Ausstrahlung galt die junge schwarze US-Amerikanerin damals vielen Menschen auf der Welt als eine Art weiblicher Che Guevara.
Zu einer Ikone für die internationale linke Bewegung wurde sie, nachdem sie als Bürgerrechtlerin und Kommunistin in Kalifornien Opfer eines Justizskandals geworden war. 22 Monate, von 1970 bis 1972, saß sie aufgrund falscher Anschuldigungen im Gefängnis. Wegen Mord, Entführung und "Unterstützung des Terrorismus" drohte ihr im Sonnenstaat des Gouverneurs Ronald Reagan die Todesstrafe. Nicht zuletzt auf Druck weltweiter Proteste ließ man sie nach zwei Jahren Untersuchungshaft frei.
Drei Jahrzehnte später tritt sie selbst immer noch für die Rechte insbesondere von Gefangenen, Farbigen und Frauen in Amerika ein. In Berlin wurde sie gestern für ihr Engagement als Menschenrechtlerin mit einer von Gisela Steineckert moderierten Künstler-Matinee geehrt. Zudem hatte ihr am Sonnabend die Gesellschaft für Bürgerrechte einen Preis verliehen.
Letzteres geschah während eines Rosa-Luxemburg-Kongresses der kleinen linken Tageszeitung "Junge Welt". Die hatte vor drei Jahrzehnten - als damals noch auflagenstarkes Zentralorgan der Jugendorganisation FDJ - eine besondere Rolle in ihrem Leben gespielt, weil sie eine Aufsehen erregende Solidaritätsaktion unterstützte. Die habe sie nicht vergessen, erzählte die immer noch über eine beeindruckende Haarpracht verfügende 60-Jährige vor mehreren hundert begeisterten Zuhörern in einem Hochschulsaal im Osten Berlins.

Mut durch Postkarten
Sie schaut in glänzende Augen vor allem älterer Leute im Publikum, als sie berichtet, wie sie wochenlang im Gefängnis Postkarten von Schülern aus der DDR gelesen habe. Die hätten ihr Mut und Kraft zum Durchhalten gegeben. Angela Davis war während ihrer Inhaftierung psychisch schwer angeschlagen. Die Post aus dem fernen kleinen sozialistischen Land hat sie nicht nur persönlich aufgebaut, sondern angeblich auch das Gericht schwer beeindruckt.
Hunderttausende Karten der Solidaritätsaktion "Eine Million Rosen für Angela" waren 1971/72 in ihrem kalifornischen Gefängnis eingegangen. Die Karten mit einer aufgedruckten Rose wurden von jeder Schulklasse und vielen Betriebskollektiven geschickt. Auslöser der Aktion war, so hieß es jedenfalls, ein FDJ-Kollektiv des Uhrenkombinats Ruhla, das ein Vierteljahr nach der Verhaftung der 26-jährigen Philosophiedozentin einen entsprechenden Aufruf gestartet hatte. Zu ihrem Geburtstag am 26. Januar sollten möglichst viele DDR-Bürger mit solidarischen Grüßen ihren "heldenhaften Kampf gegen den US-Imperialismus" unterstützen. Unzählige DDR-Bürger aller Altersklassen schlossen sich der Aktion an.

Hoffnung nicht aufgegeben
Obwohl die im besten realsozialistischen Stil kampagnenmäßig organisiert war, kam die Mitwirkung der DDR-Bürger aus vollstem Herzen. Schließlich wurde hier keine Verpflichtung zur Planübererfüllung abverlangt, sondern Le-bensrettungshilfe für eine ganz offensichtlich zu Unrecht eingekerkerte sympathische junge Revolutionärin.
Als Revolutionärin sieht sich Angela Davis im Prinzip noch immer. Sie hat die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft - was für sie nur eine sozialistische sein kann - nicht aufgegeben. Und sie hofft darauf, dass sich die junge Generation von heute an der Verwirklichung dieser Vision stark beteiligt. All das erzählt die heute als Dozentin an der kalifornischen Universität von Santa Cruz tätige Frau mit einer beeindruckenden Innigkeit. Ihr Optimismus, dass die Welt noch zu retten ist vor den Unterdrückern aller Nationen, scheint unerschütterlich. Es hat wohl mit den Erfahrungen zu tun, die sie während ihrer Haftzeit vor mehr als 30 Jahren machte: "Ich wäre nicht hier, wenn es nicht Millionen Menschen gegeben hätte, die damals Nein sagten, als Ronald Reagan und Richard Nixon mich als Terroristen verurteilen lassen wollten."