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Ein Völkermord und etwas Diplomatie

"Auch die Deutschen müssen sich der Aufarbeitung stellen", fordert Joachim Gauck.
"Auch die Deutschen müssen sich der Aufarbeitung stellen", fordert Joachim Gauck. FOTO: dpa
Berlin. Lange wollten Diplomaten in Berlin die Massaker an den Armeniern nicht als Genozid bezeichnen. Zu groß war die Sorge vor neuem Krach mit der Türkei. Zum 100. Jahrestag nennt der Bundespräsident die Dinge beim Namen. Jörg Blank / Foto: dpa Foto: dpa

Joachim Gauck findet jene deutlichen Worte, die von ihm erwartet werden - und geht sogar noch einen Schritt weiter. Nicht nur verpackt als Beispiel für die Geschichte von Säuberungen und Vertreibungen nennt der Bundespräsident die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich einen Völkermord.

Als es um die deutsche Mitverantwortung für die Taten vor 100 Jahren geht, wird Gauck am Donnerstagabend beim ökumenischen Gottesdienst zur "Erinnerung an den Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen" unüberhörbar deutlich: Auch die Deutschen müssten sich "noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht".

Da ist die Einordnung, direkt, ohne Umschweife: Es gab einen Völkermord an den Armeniern, macht der Bundespräsident mit diesen Worten im Berliner Dom klar. Nicht zufällig dürfte Gauck seine Worte in einen Zusammenhang mit der deutschen Verantwortung für die historischen Vorgänge gesetzt haben. So klingt die Feststellung nicht ganz so anklagend, mag er hoffen.

Trotzdem: Das Wort vom Völkermord ist jene Charakterisierung, die deutsche Diplomaten vermeiden wollten, weil sie weitere Verwicklungen mit dem Nato-Partner und EU-Aspiranten Türkei fürchten. Und neuen Ärger mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Ein paar Absätze vorher verwendet der Bundespräsident noch nahezu wortgleich jene Passage, die im Gedenktext der Koalitionsfraktionen von CDU, CSU und SPD steht, über den der Bundestag an diesem Freitag debattieren will. "Das Schicksal der Armenier steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von der das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist", sagt er da. Grünen-Chef Cem Özdemir hatte kritisiert, Union und SPD hätten mit dieser Formulierung ihre Haltung in einem Nebensatz versteckt.

Zu große diplomatische Zurückhaltung ist Gaucks Sache sowieso nicht, wenn es um die türkische Politik geht. Vor fast genau einem Jahr war das klar geworden, als er der Regierung in Ankara bei einem Türkeibesuch Demokratiedefizite bescheinigt und vor Einschränkungen für Justiz und bei der Meinungsfreiheit warnt. Erdogan warf Gauck im Gegenzug "Einmischung in innere Angelegenheiten" vor und ätzte, der frühere Geistliche Gauck denke wohl "immer noch, er wäre ein Pastor".

Nun also die Verfolgung der Armenier vor 100 Jahren. Im Auftrag der damaligen türkischen Regierung hatte am 24. April 1915 deren Vertreibung und Vernichtung begonnen - bis zu 1,5 Millionen Menschen starben. Bis heute lehnt die türkische Regierung es strikt ab, dies als Völkermord zu bezeichnen.