Erst als das deutsch-britische Verhältnis im Ersten Weltkrieg abkühlte, nannten sich die Royals Windsor - nach ihrer damaligen Residenz. Doch bis heute sind die Windsors in direkter Linie Nachfahren der Herrscher des kleinen Herzogtums auf dem heutigen Gebiet von Thüringen und Bayern.

Fahnen auf dem Schloss
Wenn Andreas von Sachsen-Coburg und Gotha zu Besuch auf Schloss Friedenstein in Gotha ist, werden die Fahnen gehisst. Das soll sich das heutige Familienoberhaupt vertraglich zusichern haben lassen, als er im Tausch gegen große Flächen Thüringer Staatswaldes das Schloss und seine Kulturgüter an den Freistaat übergab. "Wie bei einem Staatsbesuch", wird in Gotha gewitzelt. Der Prinz, der als einer der größten privaten Waldbesitzer in Thüringen gilt, wolle damit ein wenig von dem Glanz erhalten, in dem das Haus einst stand.
Im Laufe der Zeit durften sich Familienmitglieder Zarin von Russland, Zar von Bulgarien, Kaiser von Mexiko und deutsche Kaiserin nennen. Könige oder Königinnen stellte die Sippschaft in Griechenland, Portugal, Italien, Spanien, Jugoslawien, Rumänien und Norwegen. Bis heute tragen das schwedische und das belgische Königshaus den Familiennamen. "Alle haben versucht, ihre Kinder möglichst gut zu verheiraten. Aber keiner war so erfolgreich wie die Coburger", sagt die Londoner Historikerin Karina Urbach.
Den Aufstieg der Familie hätte die britische Schriftstellerin Jane Austen in ihren Adels-Romanen nicht besser erdenken können: Ende des 18. Jahrhunderts regierten Franz Friedrich Anton und seine Frau Auguste über das unbedeutende und hoch verschuldete Herzogtum Coburg. "Ihr einziges Kapital waren die sieben Kinder", sagt Rosemarie Barthel, Archivarin im Thüringer Staatsarchiv.
Als Zarin Katharina die Große von Russland 1795 nach einer Braut für ihren Enkel Konstantin suchte, sah Herzogin Auguste ihre Chance und reiste mit ihren drei heiratsfähigen Töchtern nach St. Petersburg. "Die jüngste Tochter, Juliane, fiel beim Aussteigen aus der Kutsche. Das gefiel dem Großfürsten Konstantin offenbar so gut, dass er sie zur Frau nahm", erzählt Barthel. Auch wenn Konstantin auf die Thronfolge verzichtete und die Ehe geschieden wurde, ebnete die Verbindung dem Herzogtum den Weg nach oben.
Der jüngste Sohn der Coburger, Leopold, folgte seiner Schwester nach Russland und trat früh in die russische Armee ein. Mit sieben Jahren wurde er Oberst, mit dreizehn Jahren General. Er heiratete die britische Thronfolgerin Charlotte, doch sie starb bei der Geburt des ersten Kindes. Das britische Empire stand ohne Thronfolger da. Leopold überredete seine Schwester Victoire zur Ehe mit Edward Kent, dem Bruder des englischen Königs. Die beiden bescherten dem Königreich die ersehnte Prinzessin: die spätere Königin Victoria.
Victoria heiratete 1849 ihren Cousin Albert, den zweitgeborenen Sohn am Stammsitz in Coburg. Das englische Königshaus war nun endgültig in Familienhand, der Familienname wurde geändert. Die heutige Königin Elisabeth II. ist die Ur-Ur-Enkelin von Victoria. Während die Mitglieder der schwedischen und belgischen Königsfamilien ihre Verwandten in Coburg oder Gotha noch besuchen, distanziert sich die britische Königsfamilie öffentlich von ihren deutschen Wurzeln, sagt Historikerin Urbach. "Die englische Regenbogenpresse wirft ihnen ihre deutsche Vergangenheit immer wieder vor, wenn es um Kritik an der Monarchie geht."

Schwieriges Heiratsprozedere
Wie groß der Aufwand der Coburg-Gothaer Heiratspolitik war, zeigen alte Akten mit vergilbten Blättern, die auf Schloss Friedenstein gehütet werden: "Zwischen 150 und 200 Seiten umfassen die offiziellen Briefwechsel vor jeder Hochzeit. In Eheverträgen wurde dann alles ganz genau geregelt", sagt Archivarin Barthel. Für den Erfolg der Coburg-Gothaer machen Historiker auch einen ganz profanen Grund verantwortlich, wie Historikerin Urbach verrät: "Die Männer des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha galten als sehr gut aussehend."