Als märchenhaft hat Günter Grass seinen frühen Erfolg als Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg selbst beschrieben. Mit seiner damaligen Frau Anna, einer Balletttänzerin, zieht er 1956 nach Paris. In einem feuchten Heizungsraum eines Hinterhofanbaus in der Avenue d'Italie 111, gekauft vom Schwiegervater für das wenig betuchte Paar, schreibt Grass seinen ersten Roman "Die Blechtrommel", den mehr als 40 Jahre später die Nobelpreisjury besonders rühmen wird bei der Zuerkennung des Literaturnobelpreises 1999. Am heutigen Dienstag wird Grass 85.

"In Paris wurde uns immer wieder das Geld knapp", erinnert Grass in seinem autobiografischen Buch "Beim Häuten der Zwiebel". "Von Paris aus musste ich deshalb nach Westdeutschland trampen, um in den Sendeanstalten Köln, Frankfurt, Stuttgart und Saarbrücken einige Gedichte an Nachtprogramme gegen Bares zu verkaufen, damit es während der nächsten drei Monate für marktfrische Sardinen, Hammelrippchen, Linsen, das tägliche Baguette und Papier für die Schreibmaschine reichte."

In den drei Pariser Jahren entsteht am Stehpult die wundersame Welt des Oskar Matzerath. Der kleine Protagonist der "Blechtrommel" begeistert 1958 bereits die legendäre Schriftstellergruppe 47. Grass trägt aus seinem fast fertigen Roman vor, gewinnt nicht nur den Preis von damals gewaltigen 4500 Mark, sondern einen Freund und väterlichen Berater - Hans-Werner Richter, den Kopf der Gruppe 47, der Grass zeitlebens verbunden bleibt.

Nie zu tilgender Makel

Rückblende: Am 16. Oktober 1927 kommt das Kind in Danzig-Langfuhr zur Welt. Die kaschubischen Eltern besitzen einen Kolonialwarenladen, viele Kunden lassen anschreiben. Die Wohnung ist klein, Günter und seine Schwester Helene haben unter dem Fensterbrett eine eigene Ecke. Kein Bad, das Klo auf dem Flur. Katholisch wächst Grass auf, ist Messdiener. "Eine Kindheit zwischen Heiligem Geist und Hitler", schreibt Michael Jürgs in seiner Grass-Biografie. Verwundet überlebt Grass mit 17 den Krieg, nach grauenhaften Erlebnissen, Tod um Tod miterlebend. Dass er die letzten Monate bei der Waffen-SS war, berichtet Grass erstmals "Beim Häuten der Zwiebel" - fast 60 Jahre danach. Scham, ein nie zu tilgender Makel, bekennt Grass.

Lebenshunger: Grass lebt intensiv nach dem Krieg, wie so viele seiner Generation. 1947 Steinmetzlehre in Düsseldorf, dann Studium an der Düsseldorfer Kunsthochschule. Er trampt nach Italien, Frankreich, die Schweiz. Und er spielt Waschbrett in einer Jazzband. 1954 heiratet er, vier Kinder stammen aus der Ehe. 1960 Rückkehr nach Berlin, dann Wewelsfleth und später Umzug nach Behlendorf bei Lübeck - beides in Schleswig-Holstein. Die hügelige Landschaft erinnere ihn an seine Heimat Danzig, sagt er. Dazwischen ist Günter Grass in Indien. Er ist verärgert über die Anfeindungen in der Bundesrepublik .

Literarisch geprägt haben Günter Grass vor allem Alfred Döblin, aber auch der Renaissance-Autor Francois Rabelais und das wohl bedeutendste Barockwerk, der in der Zeit des 30-jährigen Krieges angelegte "Simplicissimus" von Grimmelshausen, sowie Jean Paul, die Brüder Grimm und Hans Christian Andersen.

Der märchenhafte Ton

In seinen Werken lässt Grass oft einen märchenhaften Ton anklingen und er nutzt das literarische Prinzip der Vergegenkunft, lässt Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zusammenfließen - besonders meisterhaft im "Treffen von Telgte". Die "Danziger Trilogie" ("Blechtrommel", "Katz und Maus", "Hundejahre") und die autobiografische "Trilogie der Erinnerung" stehen ebenfalls dafür. In letzterer hat er seine Zeit als Jugendlicher, als Vater und als politisch engagierter Bürger literarisch verarbeitet ("Beim Häuten der Zwiebel", "Die Box", "Grimms Wörter").

Als Lehre aus der Weimarer Republik, die mangels kämpferischer Demokraten zugrunde gegangen sei, sieht Grass die Pflicht zu politischem und gesellschaftlichem Engagement. In der SPD findet er seine politische Heimat, unterstützt Willy Brandt und dessen Ostpolitik; die Aussöhnung mit Polen ist ihm Herzenssache. Die Adenauer-Zeit prangert Grass als muffig-spießig an, seine "Blechtrommel" wird als pornografisch abgewertet; der Bremer Senat verweigert 1959 den bereits von einer Jury zuerkannten Literaturpreis der Stadt. Grass sieht in der Bundesrepublik allzu viele ehemalige Nazis wieder in hohen Ämtern. Kein Wortduell, dem der Schriftsteller Günter Grass jemals ausweicht. Franz Josef Strauß attackiert die Intellektuellen als Pinscher und meint vor allem Grass.

Im Verband der deutschen Schriftsteller, in der Freien Akademie der Künste Berlin oder im PEN engagiert sich Grass für die sozialen Belange von Autoren ebenso wie für die Menschenrechte. Die Kulturstiftung des Bundes, von ihm immer wieder angestoßen, wird 2002 endlich Realität.

Hinter den oft donnergrollenden öffentlichen Rollen des Polit- und Literaturtheaters - in diesem Jahr gegen Israel, publiziert im neuen Gedichtband "Eintagsfliegen" - wird der Mensch Grass kaum wahrgenommen. Schriftsteller Günter Grass, der von sich selbst sagt, einen Mutterkomplex zu haben. Der es Frauen nicht immer leicht gemacht hat. Seine Leidenschaft Kochen ist Legende, seine bevorzugt deftigen Essen nicht jedermanns Geschmack, die Liebe zum Rotwein bekannt. Grass ist ein Familientier, die Enkelschar der Patchworkfamilie wächst und wächst, im Sommer oft zu Gast im langjährigen Ferienhaus mitten im Wald der dänischen Insel Mön.

Bei runden Geburtstagen Kopfstand im Kreis der Familie zu machen, diese Übung ist im hohen Alter und bei angeschlagener Gesundheit für den 85-Jährigen leider passé.