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Ein Traum für Teheran – Albtraum für die Welt?

Irans Atomanlagen gelten als gut geschützt. Hier dürfen sich dennoch Medienvertreter im Akw Buschehr umsehen.
Irans Atomanlagen gelten als gut geschützt. Hier dürfen sich dennoch Medienvertreter im Akw Buschehr umsehen. FOTO: dpa
Tel Aviv. I sraels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist der lautstärkste Kritiker der Einigung im Atomstreit mit dem Iran. Er spricht von einem "Albtraum-Deal für die Welt." Dafür gibt es aus seiner Sicht viele Gründe. Sara Lemel

Benjamin Netanjahu hält die Atom-Einigung des Westens mit dem Iran für einen historischen Fehler. Der Deal verhindere nicht die atomare Aufrüstung Teherans, sondern ebne sogar regelrecht den Weg dorthin, warnt der konservative israelische Ministerpräsident.

In Blitz-Interviews mit US-Medien versuchte Netanjahu über Ostern, der amerikanischen Öffentlichkeit seine Einwände zu erklären. Er kritisierte die Einigung als "Traum-Deal für den Iran und Albtraum-Deal für die Welt". Netanjahu will nichts unversucht lassen, um noch bis Ende Juni in seinem Sinne Einfluss auf das endgültige Abkommen zu nehmen.

Israels Regierung lehnt die Vereinbarung aus verschiedenen Gründen ab. Zum einen kritisiert sie, dass der Iran sein Atomprogramm nur einschränken und nicht abbauen soll. Zum anderen nennt sie Überwachungsmechanismen durch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) für bis zu 25 Jahre fragwürdig. "Die ganze Welt hat den Deal (im Atomstreit) mit Nordkorea gefeiert", erklärte Netanjahu dem US-Sender NBC. Trotz der vereinbarten Überwachung durch internationale Inspekteure sei es Pjöngjang dann aber gelungen, Atommacht zu werden. "Ich denke, dasselbe wird mit dem Iran geschehen - nur ist der Iran sehr viel gefährlicher als Nordkorea."

Die Regierung in Jerusalem glaubt nicht, dass die Teheraner Führung ihr Streben nach dem Bau einer Atombombe aufgegeben hat. Sie wirft US-Präsident Barack Obama Schwäche und eine gefährliche Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Iran vor.

Nach US-Angaben soll das Abkommen die Zeit bis zu einem sogenannten "Breakout" - dem Zeitpunkt, an dem Teheran über genug waffenfähiges Uranium für eine Atombombe verfügt - auf rund ein Jahr verlängern. Israel befürchtet jedoch, der Iran könnte heimlich mehr Uranium anreichern und damit die Zeit deutlich verringern.

Israels Geheimdienste müssten sich darauf einstellen, dass sie nach einer endgültigen Einigung im Atomstreit deutlich weniger Hilfe von anderen westlichen Geheimdiensten beim Ausspionieren Teherans bekommen würden, schrieb ein Kommentator der Zeitung "Maariv" am gestrigen Montag. "Und anders als in der Vergangenheit werden die USA auch nicht bereit sein, aggressive Operationen auszuführen, wie die Sabotage von Ausrüstung (in den iranischen Atomanlagen) und das Infizieren von Computern mit Viren", schrieb Ronen Bergman.

Sorge bereiten Israel auch die möglichen regionalen Auswirkungen einer Atom-Einigung zwischen Teheran und den fünf UN-Vetomächten sowie Deutschland. Der Iran sei ein "Terror-Monster, das Organisationen und staatliche Gebilde trainiert und mit Waffen versorgt, um Zerstörung unter den pro-westlichen Staaten im Nahen Osten und der ganzen Welt zu säen", warnte der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon. Die Einigung werde Teheran darin nur weiter bestärken. Eine Aufhebung der Sanktionen werde zudem die Finanzkraft des Irans ankurbeln.

Der Iran gilt unter anderem als Unterstützer der libanesischen Hisbollah-Miliz und der im Gazastreifen herrschenden Hamas, beides Erzfeinde Israels. Auch die Huthi-Rebellen im Jemen, gegen die Saudi-Arabien und neun weitere Länder der Region kämpfen, sollen Hilfe aus Teheran erhalten.

Die Vereinbarung werde Teheran letztlich in ein atomares Schwellenland verwandeln und unter den arabischen Nachbarländern ein atomares Wettrüsten auslösen, glaubt die israelische Führung. Dass Israel selbst seit Jahrzehnten über Atombomben verfügt, bleibt unerwähnt.

Doch es gibt auch andere Stimmen in Israel. Amos Jadlin, ehemaliger Chef des Militärgeheimdienstes, rät Netanjahu, die Vereinbarung mit Teheran nicht rundweg abzulehnen und stattdessen "das halbvolle Glas" zu sehen. Der Leiter des Instituts für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv plädiert für eine ausgewogene Sicht: Er stuft die Vereinbarung als "Kompromiss mit wichtigen Errungenschaften für die westlichen Mächte" und als klare Einschränkung des iranischen Atomprogramms ein.

Gleichzeitig legitimiere der Deal Teheran als atomares Schwellenland, meint Jadlin. Netanjahu müsse nun in einen engen Dialog mit den USA treten, um bis zum 30. Juni "die Gefahren für Israel, die ein Atomvertrag mit Teheran enthält, auf ein Minimum zu reduzieren". "Es muss den Iranern ganz deutlich gemacht werden, dass jeder Versuch, das Abkommen zu umgehen oder seinen Rahmen zu sprengen, zu einer sehr harten Reaktion (der USA) führen wird."