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Ein Telefon-Flirt kostet Lausitzer 4400 Euro

Für ihren Telefon-Flirt sollen zwei junge Lausitzer jetzt teuer bezahlen. Der eine 4400 Euro, der andere 1100 Euro. Doch wer genau hinter dieser Abzocke mit 0190er-Nummern steckt, bleibt ein Geheimnis. Die Firma dtms, die nach RUNDSCHAU-Recherchen Mieter zumindest einer der beiden Nummern ist, gibt nicht preis, an wen sie diese Nummer weitervermietet hat. Die Cottbuser Staatsanwaltschaft ermittelt. Von Jürgen Becker

Die Kontaktanzeige klang sympathisch. „Junge Sie sucht ihn mit Sinn und Fantasie für Zärtlichkeiten.“ Der Forster Ralf Petter (Name geändert) wollte diese Frau kennen lernen. Deshalb schickte er eine SMS an die angegebene Handy-Nummer. Prompt erhielt er einen Rückruf von „Mandy“ .
„Die sagte mir, ich müsse die 0190/854977 wählen, um mit ihr länger reden zu können“ , erzählt Ralf Petter. „Und als ich nach den Kosten fragte, sagte sie: Sechs Cent.“
Mehrmals, insgesamt sieben Stunden lang, plauderte Petter daraufhin mit „Mandy“ über Gott und die Welt. Der Gebührenzähler auf seinem Handy zeigte nichts an. Als er seine Telefonrechnung erhielt, war er geschockt: 1100 Euro soll er bezahlen.

„Sie sagte nette Sachen“
Dem Cottbuser Claus Ringke (Name geändert) erging es ähnlich, nachdem er dieselbe 0162er-Nummer angesimst hatte. Bei ihm meldete sich allerdings eine „Melanie“ . Er fand sie auf Anhieb sympathisch, „weil sie mir nette Sachen sagte und mir ein Treffen in Cottbus vorschlug“ . Und weil er nach eigenen Angaben ihren Beteuerungen Glauben schenkte, „dass das Gespräch nach einer Minute so viel kostet wie der Normaltarif vom Handy zum Festnetz“ , griff er selbst zum Mobiltelefon und wählte die angegebene Ziffern- und Buchstabenkombination „0190-888192-5-Melanie“ . Er stutzte auch nicht, als „Melanie mir erklärte, dass das Gespräch kostenlos ist, wenn ich dieses Gespräch halte und nochmals dieselbe Nummer wähle“ .
Fast die ganze Nacht flirtete er mit der Dame, die „sagte, sie sei Altenpflegerin. Immer wieder, wenn ich aufgelegt hatte, rief sie zurück. Dann bat sie mich, sie doch nochmals anzurufen.“
Weil sein D1-Kontoservice am nächsten Morgen nur 20,50 Euro anzeigte, wie Claus Ringke versichert, „glaubte ich die Kostenlos-Lüge und rief sie drei Nächte lang hintereinander an“ . Dann wurde sein Handy gesperrt. Als er sich bei D1 darüber beschweren wollte, musste er mit Schrecken feststellen, dass die Plauderei mit Melanie rund 4400 Euro gekostet hatte.
Claus Ringke und Ralf Petter – zwei Fälle, ein Muster. Die beiden haben Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Die RUNDSCHAU machte sich selbst auf die Suche nach den Anbietern, die sich hinter den Rufnummern verstecken, die die beiden Lausitzer angewählt hatten. Registriert sind die Nummern auf die BT Ignite in Eschborn bei Frankfurt/Main. Dieses Unternehmen hat die beiden Nummern aber weitervermietet, zumindest eine davon an die dtms AG in Mainz. Doch auch diese Firma hat diese Nummer nur an einen Kunden weitervermietet, der sie wiederum einem anderen übergeben haben soll.
Da verliert sich die Spur. Denn die Firma dtms weigert sich, den Namen des Kunden zu offenbaren. Bei beiden Nummern werde der Preis von 1,86 Euro derzeit ordnungsgemäß angesagt, erklärt dtms-Sprecher Ralf Kohl lapidar. Um den Kunden abmahnen oder die Nummer abschalten zu können, brauche sein Unternehmen aber „hieb- und stichfeste Beweise“ . Ohne sie dürfe dtms aus Datenschutzgründen auch nicht einmal den Namen des Mieters nennen.
Ralf Petter will das nicht hinnehmen. Er drückt die Abspieltaste seines Computers. Der Mitschnitt eines Gesprächs ist zu hören, das Petter angeblich aufgenommen hat, nachdem er damals die 0190er-Nummer gewählt hatte. Eine Männerstimme in einer Vermittlungszentrale erklingt. Ja, das stimme, antwortet diese Stimme auf Petters nochmalige Nachfrage. „Ab sechs Cent geht es bei uns los. Ich kann dich zuschlagsfrei durchstellen. Du musst dazu aber auf die Fünf drücken.“

Gespräch mitgeschnitten
Dieser Mitschnitt nützt Ralf Petter aber wenig. Denn dass diese Aufnahme tatsächlich nach dem Anwählen der strittigen 0190-Nummer entstanden ist, ist nicht zu beweisen. Wie auch im Fall des Cottbusers Claus Ringke steht deshalb Aussage gegen Aussage. Und Abzocker-Firmen können weiterhin ihr übles Spiel mit Anrufern treiben, weil sich Nummern-Betreiber wie die Firma dtms hinter dem Datenschutz verstecken dürfen.
„Das mit dem Datenschutz halte ich ohnehin für eine faule Ausrede“ , sagt die Cottbuser Verbraucherschützerin Sabine Klauke-Fritschka. „Die Nummern-Betreiber verdienen doch am Missbrauch der Firmen, an die sie die Nummern vermieten, selbst mit.“
Das neue „Gesetz zur Bekämpfung des Missbrauchs von 0190er/0900er-Mehrwertdiensterufnummern“ , das kürzlich den Bundesrat passiert hat, soll jetzt mit diesem Versteckspiel Schluss machen. Noch ist es allerdings nicht in Kraft. Und Experten warnen schon jetzt, dass es wenig bringen wird.

Immer neue Maschen
Denn dem Mobilfunk räumt der Gesetzgeber eine Schonfrist ein. Dabei sehen sich schon jetzt Handy-Besitzer verstärkt dem 0137-Rückruftrick ausgesetzt: Das Handy klingelt nur einmal. Wer die Rückruftaste drückt, bekommt keinen Gesprächspartner ans Ohr, dafür aber bis zu 2,78 Euro in Rechnung gestellt. Eine andere Masche, die das Gesetz nicht erfasst, ist die Abzocke mit vermeintlichen Auskunftsdiensten. Bei ihnen hört der An- rufer statt gewünschter Information unter der für Auskünfte reservierten 0118-Vorwahl nur eine Bandansage.
Das Gesetz sei zwar ein Schritt nach vorne, urteilt denn auch Verbraucherschützerin Klauke-Fritschka. Es lasse aber zu viele Schlupflöcher.

Hintergrund Anbieter ermitteln
Zur Ermittlung des Betreibers einer 0190er-Nummer kann sich der Verbraucher an die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) wenden. Auf der Homepage „www.regtp.de“ findet sich unter „Nummernverwaltung“ eine Suchmaschine für diese Nummern. Den Endanbieter dieser Nummern findet man dadurch aber in der Regel nicht. „Sobald das neue Verbraucherschutzgesetz in Kraft getreten ist, können Sie den Endanbieter des Mehrwertdienstes aber auch direkt bei uns erfragen“ , erklärt RegTP-Mitarbeiter Rudolf Boll.
Die Tarife hinter 0190er-Nummern sind reglementiert. Für die Ziffern 4 und 6 nach der 0190 betragen sie 24 Cent/Minute, für die Ziffern 1, 2, 3, 5 62 Cent/Minute. 1,24 Euro/Minute sind es für die 7 und 9, 1,86 Euro/Minute sind es für die 8.
Für Anrufe mit dem Handy werden providerabhängig zusätzliche Gebühren erhoben, so dass sich der Anrufertarif deutlich erhöht. Die Vorwahlbereiche 0190-0 und 0900 zeichnen sich dadurch aus, dass die Tarife vom Betreiber prinzipiell frei definierbar sind.