Bevor der Jubel überschäumt: Von den zehn Jahren stellte die SPD nur sieben Jahre lang den Kanzler. Und "durchregiert" hat sie in der zurückliegenden Dekade nie, sondern immer Koalitionen bilden müssen. Erst mit den Grünen und später als Juniorpartner der CDU. Außerdem war da stets noch der Bundesrat. Erst wenn man den roten Vorhang des SPD-Eigenlobes beiseite zieht, wird der Blick frei auf das, was sich seit dem 27. September 1998, seit Schröders Wahlsieg über Helmut Kohl, wirklich verändert hat. Dieser Tag bedeutete in der Tat eine Zeitenwende. Aber für alle Parteien. Die CDU konnte sich von der Kohl-Ära lösen. Sein Regierungsstil hatte zuletzt wie Blei auf dem Land gelegen. Ganz besonders gilt das für die Gesellschaftspolitik. Mit dem Staatsbürgerschaftsrecht, der Homo-Ehe, dem Krippenausbau oder auch der Entschädigung der Zwangsarbeiter ging die rot-grüne Koalition Fragen an, die unter Kohl ideologisiert oder gar tabuisiert waren. Eine nachholende Modernisierung fand statt, die Deutschland auf europäisches Niveau brachte. Inzwischen hat die Union diese Modernisierung programmatisch nachvollzogen. Schröders Wahlsieg hat aus der CDU eine andere Partei gemacht. Rückfälle wie die des Roland Koch Anfang des Jahres wirken deplatziert. Die Kräfte, die diese Entwicklung aufhalten wollen, sind an den Rand gedrängt. Eine Wende von obenDie SPD hat der Machtgewinn hingegen fast zerrissen. Mit vierjähriger Verzögerung musste sie Anfang 2003 erkennen, dass Regieren Verantwortung bedeutet. Kohls zaghafte Reformansätze, vom verringerten Kündigungsschutz bis zum demografischen Faktor bei der Rente, hatte die SPD 1998 im Wahlkampf noch populistisch ausgebremst. 2003 musste sie mit der Agenda 2010 selbst ein Reformprogramm auflegen, um das Land wieder flott zu machen. Es war eine Wende von oben. Der Preis war 2005 der Machtverlust und das Entstehen einer weiteren linken Konkurrenzpartei. Der Streit um dieses Reformprogramm ist in der SPD nicht entschieden. Zwischen der vielfach noch sozialromantischen Parteibasis und der pragmatischen Führung klafft eine Lücke. Mit der politischen Wende von 1998 ist ein neues Wort in den Mittelpunkt der Politik gerückt: Nachhaltigkeit. Ob in der Bildungs-, in der Umwelt- oder in der Finanzpolitik: Bei allen Entscheidungen wird heute stärker als früher über die Folgen für nachfolgende Generationen nachgedacht. Neu ist seit 1998 auch das Bekenntnis zu Deutschlands gewachsener internationaler Verantwortung. Als Friedenseinsätze kaschiert sind auch echte Kriegseinsätze darunter gewesen, etwa im Kosovo. Mit Geldzusagen, wie noch 1991 beim Golf-Krieg, kann Deutschland sich nicht mehr heraushalten. Die Grünen machten hier den größten Erkenntnissprung. Das Nein zum Irak-Krieg markierte zugleich das Ende blinder Gefolgschaft zu den USA. Deutschland ist jetzt tatsächlich eine mittlere Macht geworden und nimmt selbstbewusst am internationalen Geschehen teil. Sehnsucht nach alten ZeitenFür zehn Jahre sind das nicht eben wenige Veränderungen, und in der Mehrzahl sind sie für die deutsche Politik positiv. Aber in allen Parteien gibt es viele, die sich eher schämen und nach den guten, alten Zeiten zurücksehnen. Nicht zuletzt bei den jubelnden Sozialdemokraten, die die Ereignisse des 27. September 1998 vielleicht am wenigsten verdaut haben.