Dass dann die U-Bahn und die Busse nicht fuhren, all die Regierungsbehörden nicht arbeiteten und die Schulen geschlossen blieben, war überflüssige Vorsorge. Zwar hatten wenige Stunden zuvor die Böen von Sandy die Straßen des Regierungsdistrikts mit ihrer durchdringenden Gewalt von jedem Fußgänger leergefegt, aber einen ähnlichen Sturm habe ich auch in Berlin schon erlebt. Und so war auch ich nicht vorbereitet auf das, was im Laufe des Dienstag allmählich an Bildern über die Fernsehschirme flimmerte. Sandy hat die Küstengebiete mit ungeheurer Wucht und völlig unvorbereitet erwischt.

Vor einem Jahr bin ich um die gleiche Zeit die damals so wunderbaren Strände von Ocean City langgelaufen. Das Wasser war warm, ich konnte Delfinschwärme mit ihren ausgelassen in den Wellen spielenden Jungtieren auf dem Weg in den Süden bewundern. Vor wenigen Tagen dachte ich daran, in diesem Paradies noch einmal vor dem Winter kurz vorbeizuschauen. Jetzt kann ich mir das sparen, jetzt ist der Strand auf die Parkplätze der Supermärkte landeinwärts geschwemmt - eine gigantische Sandlandschaft am falschen Ort und ein völlig verwüsteter Ferienort. Und es hat New York erwischt, die Megastadt, die zu tief liegt, um sich vor dem Meer schützen zu können. Die Metropole erlebte die lange vorher gesagte Rekordflut. Die Realität ist immer anders als die Katastrophenfilme, zunächst weniger spektakulär, dann aber im Alltag viel schrecklicher. Die U-Bahn der Millionenmetropole, unentbehrlich für die meisten ihrer Einwohner, seit Jahrzehnten vernachlässigt, steht still und viele Straßenzüge sind weiterhin ohne Strom. Dass da das Leben in der Weltstadt bei fast winterlichen Temperaturen zum Alptraum wird, lässt uns auch hier in Washington zittern. In den Fernsehkanälen laufen jetzt ununterbrochen die Geschichten über die heroische Evakuierung eines Krankenhauses. Solche Storys lieben Amerikaner und sie werden immer gleich mit Durchhalteparolen garniert. Aber zuweilen taucht jetzt doch ein Wort auf, das im Wahlkampf bislang verpönt war. Der Klimawandel hat sich mit Sandy wieder in die Debatten gedrängt.

Dabei hat es in diesem Jahr genug Vorreiter gegeben. Washington erlebte einen Hitzerekord, gekrönt durch einen Supersturm ganz eigener Art, die selbst vielen Meterelogen nicht bekannt war, den Derecho 2012. Mitten in der Nacht hinterließ er eine tödliche Schneise der Verwüstung. Der Mittlere Westen hatte einen schrecklichen Dürresommer zu beklagen. Und als Sandy seinen langen Anlauf in Richtung Küste machten, überschlugen sich die Wetterexperten vor den Kameras geradezu darin, seine Einzigartigkeit zu beschreiben. So etwas hatte es in ihrem Leben noch nie gegeben. Mit fast schon beängstigender Genauigkeit konnten sie voraussagen, was passieren würde an der Küste, wenn das Wasser unaufhaltsam steigt. Und wieder einmal wurde dann dieses so faszinierende New York, wie damals am 11. September 2001, die große Bühne ist für ein tragisches Schauspiel mit ungewissem Ausgang. Amerikaner, höret die Signale, möchte man da fast schon zynisch in Washington rufen.