Schon wieder ein Fettnäpfchen, dachte und sagte so mancher in der deutschen Sozialdemokratie, etliche Zeitungen schrieben es. Sigmar Gabriel hatte beim Staatsbesuch in Ägypten den Militärherrscher al-Sisi als "beeindruckende Persönlichkeit" bezeichnet - ein, wie sich später herausstellte, aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat. Gestern zeigte der gerade von der Nordafrika-Reise zurückgekehrte Vizekanzler seine Qualitäten als Stehaufmännchen der SPD. Er ging nicht auf das Skandälchen ein, sondern nutzte die Vorstellung der wirtschaftlichen Frühjahrsprognose der Bundesregierung, um ein ganz großes politisches Fass aufzumachen: die Kritik an der Niedrigzinspolitik der EZB, die Sparern und Riester-Rentnern derzeit alle Rechnungen verhagelt. "Gelddrucken ist keine nachhaltige Wirtschaftspolitik", sagte Gabriel.

Erst letzte Woche hatte der SPD-Chef eine Großreform bei der Rente gefordert, um das Absenken des Rentenniveaus auf weniger als 43 Prozent zu stoppen. Mit dem EZB-Zinsthema hat er nun ein weiteres Problem aufgegriffen, das außerordentlich populär ist. Die AfD macht damit Propaganda, aber auch die CDU hat die Sprengkraft schon erkannt. So forderte Finanzminister Wolfgang Schäuble ein Ende der Niedrigzinsphase, und die CSU verlangte, der nächste Präsident nach dem Italiener Mario Draghi müsse ein Deutscher sein. Das machte sich Gabriel gestern freilich nicht zu eigen, verlangte aber, "dass die EZB einen Präsidenten bekommt, der es kann". Unklar blieb, ob er das als Kritik am Amtsinhaber verstand oder nur allgemein meinte.

Die bisherige Zurückhaltung gegenüber der Unabhängigkeit der Zentralbank ist jedenfalls auf breiter Front dahin und Gabriel mit dabei im Angriff. Allerdings ist seine direkte Kritik an der Bank noch verhalten. Die Niedrigzinspolitik sei zwar für viele Menschen "außerordentlich problematisch" und ein "Konjunkturprogramm für Rechtspopulisten", doch sei sie nicht der Kern des Problems. Dieser liege vielmehr seit 2008 in dem Mangel an Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum in vielen Staaten Europas, und die Verantwortlichen dafür hießen Europäischer Rat, Finanzministerkonferenz und Europäische Kommission - alles Gremien, in denen Schäuble und Kanzlerin Angela Merkel großen Einfluss haben. Brüssel habe es versäumt, so der Minister, wirksame Wachstumsimpulse zu geben; das sogenannte Juncker-Programm sei "zu kleinteilig". Es sei in der Vergangenheit viel zu sehr auf Austerität gesetzt worden, also aufs Sparen, kritisierte er. Gabriel forderte massive Investitionen in digitale Netze und in die Forschung und Entwicklung. Das Geld dafür will er mit der Finanztransaktionssteuer aufbringen. Und durch ein Schließen von Steuerschlupflöchern.

Gabriel schlägt mit seinen Vorstößen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Er formuliert Themen, die massentauglich sind und sich im kommenden Bundestagswahlkampf nutzen lassen. Sie erlauben sogar Kritik an Merkel, ohne die Kanzlerin persönlich anzugehen. Und drittens sind es Herzblutthemen der SPD-Parteilinken, die den glücklosen Vorsitzenden mit Argusaugen beobachten.

Wenn ihm sein notorisch lockeres Mundwerk nicht wieder wie in Kairo "Missverständnisse" beschert, dürfte der SPD-Vorsitzende fürs Erste damit aus den Negativschlagzeilen heraus sein.