Wenn Rosemarie Ackermann an den 26. August 1977 denkt, läuft das in ihrem Kopf ab wie im Film. Es war der Wettkampf im Westberliner Olympiastadion, wo sie mit 2,00 Metern einen neuen Weltrekord aufstellte und als erste Fraue der Welt die magische Zwei-Meter-Marke überwand. Ein Sprung in die Sport-Historie.

"Es war mein erster Versuch und es war 20.14 Uhr im Olympiastadion. Ich lief an, sprang und 40 000 Zuschauer jubelten. Ich hatte im ersten Augenblick gar nicht realisiert, was passiert war", blickt sie zurück. Der damaliga Stadion-Moderator und Quizmaster von "Dalli-Dalli", Hans Rosenthal musste mit einem Interview erst einmal warten, denn die neue Weltrekordlerin zog sich erst einmal in die Stadion-Katakomben zurück und dachte nach. "Ich wollte das erst einmal sacken lassen. Dieser Sprung hat mich geprägt", so Rosemarie, die von allen nur Rosi gerufen wird, Ackermann. Wenn sie aber über ihren wertvollsten Erfolg spricht, nennt sie zuallererst den Olympiasieg 1976 von Mon treal.

1974 in Rom gewann sie mit der Goldmedaille bei der EM ihren ersten internationalen Titel. In Rom sprang sie mit 1,95 m auch Weltrekord und verwies die Bulgarin Jordanka Blagoewa auf Rang zwei. "Mit diesem Titel im Rücken, war ich natürlich Favoritin für Montreal 1976. Das war schon ein ziemlicher Nervenkitzel", sagt sie. Doch ihre Nerven hielten und sie wurde mit 1,93 m Olympiasiegerin vor der Italienerin Sara Simeoni und Blagoewa. Doch nicht nur die Tatsache, dass sie die erste Zwei-Meter-Springerin war, ist bemerkenswert, sie war auch die einzige Hochspringerin, die diese Höhe im Straddle-Stil (Bauchwälzer) bewältigte.

"Heute springt niemand mehr im Straddle, höchstens noch ein paar Mehrkämpfer. Heute bevorzugen die meisten Atlethen den Flop, der erstmals vom Amerikaner Dick Fosbury kreiert wurde", weiß sie zu berichten. Übrigens waren die Spiele von Montreal nicht ihre ersten olympischen. Schon 1972 in München war sie am Start und wurde dort Siebente.

Begonnen hatte für Rosemarie Ackermann alles in Lohsa bei Hoyerswerda, wo sie am 4. April 1952 als Rosemarie Witschas zur Welt kam. "1964 war ich vielseitig sportlich aktiv, ich habe Leichtathletik in den verschiedensten Disziplinen betrieben und habe geturnt. 1966 kam ich dann an die Kinder- und Jugendsportschule in Forst. Dort war mein erster Trainer Erhard Miek, der mich bis zum Ende meiner Laufbahn 1980 betreut hat", erinnert sie sich. Sie weiß von vielen Diskussionen mit ihrem Trainer zu berichten, der ein großartiger, aber unnachgiebiger Fachmann war. Das Kuriose war, dass die einstige Weltklassespringerin eigentlich zu klein für eine Hochspringerin war. Nach Forst kam sie mit einer Größe von 1,58 m und einer Bestleistung von 1,48. "Um Hochspringer zu werden, hatte das Wissenschaftliche Zentrum in Leipzig eigentlich eine Körperhöhe von 1,75 m angegeben. Ich war zu dieser Zeit aber nur 1,73 m. So haben wir eben ein wenig geschummelt und 1,75 m daraus gemacht, sonst wäre nichts geworden", erzählt sie.

Ihr Karriereknick kam dann 1980 bei Olympia in Moskau: "Ich wollte dort unbedingt noch eine Medaille und es langte nur zu Platz vier. Der Frust war so groß, dass ich auf der Stelle aufhörte." Doch sie hatte gar keine Zeit in ein großes Loch zu fallen. "Ich musste jetzt mein Privatleben und mein berufliches Fortkommen organisieren", erinnert sie sich. Die studierte Ökonomin arbeitete zunächst als Binnenhandelsökonom, merkte aber schnell, dass das nichts auf Dauer für sie ist. Noch vor der Wende war sie dann Organisations-Instrukteur beim SC Cottbus im Personalwesen. Die Erinnerungen an die Wendezeit sind bei Rosi nicht die besten: "Durch die komplette Umstrukturierung fielen viele Stellen weg und ich musste manchmal meinen ehemaligen Kollegen die Kündigung mitteilen, das war verdammt hart." Von 1991 an wurde sie dann Sachbearbeiterin bei der Agentur für Arbeit, eine Tätigkeit, die sie noch heute ausübt.

Auf etwas wartet Rosemarie Ackermann, die seit 1974 mit dem ehemaligen DDR-Oberliga-Handballer Manfred Ackermann verheiratet ist, noch heute: auf Enkel ihrer beiden Söhne Lars (30) und Sven (28). "Die lassen sich ganz schön Zeit damit", sagt die Ex-Hochspringerin.

In ihrer aktiven Zeit hat sie auch die Schattenseiten des Leistungssports kennengelernt, dafür stehen ein Achillessehnenriss und ein Plantarsehnenriss. Ihren eigenen sportlichen Aktivitäten beschränken sich derzeit mehr auf Fahrradtourismus.

Ihr Zwei-Meter-Satz wird natürlich auch bei der heutigen Geburtstagsfeier Gesprächsthema sein. Zwei Erinnerungsstücke an ihren großen Tag kann Rosi vorweisen: Ein Autokennzeichen mit den Daten "Z - RA 200", das sie für ihren Wartburg bekommen hat. (Z stand damals für den Bezirk Cottbus - Anm. d. R.) Und eine Weltrekord-Plakette, die sie erst auf Umwegen erhielt. Die Original-Medaille ist nie bei ihr angekommen, aber Istaf-Macher Rudi Thiel hatte Anfang der Neunziger noch eine beim Leichtathletik-Weltverband IAAF beantragt.

Thiel war es auch, der an jenem 26. August 1977 dem Hochsprung-Star zwei Rosen zur Begrüßung überreichte mit den Worten: "Na, Rosi . . . zwei Meter heute?" Als sie dann noch die Startnummer 20 bekam, konnte nichts mehr schiefgehen.