Will der Iran eine Atombombe bauen? Seit rund zwölf Jahren treibt die internationale Gemeinschaft diese Sorge um. Damals deuteten Geheimdienst-Erkenntnisse auf ein verborgenes militärisches Programm der Islamischen Republik. Auch mit gegenteiligen Beteuerungen ist es Teheran nicht gelungen, diesen Verdacht zu zerstreuen. Jetzt stehen die bisher intensivsten Verhandlungen zwischen den UN-Vetomächten, Deutschland und dem Iran vor dem möglichen Abschluss. Vom 18. November bis zur selbst gesetzten Schlussfrist am 24. November treffen sich die Unterhändler in Wien, um diesen Konflikt zu beenden. Ein Erfolg ist ungewiss. Ein generelles Scheitern schient indes ein unwahrscheinliches Szenario.

"Angesichts der immensen politischen Investitionen ist es schwer vorstellbar, dass man sagt, das war's", meint der Iran-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Oliver Meier. Sollte bis zum 24. November kein Deal unter dem Motto "mehr Sicherheit gegen weniger Sanktionen" zustande kommen, werde trotz Ultimatums einfach weiterverhandelt, ist er überzeugt "Mit Flexibilität der Gegenseite ist es noch zu schaffen", meint der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif zwar. Aber beide Seiten sollten auch eine Verlängerung der Verhandlungen zumindest bis zum Ende des persischen Jahres (20. März 2015) in Erwägung ziehen. Auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow kann sich eine Nachfrist vorstellen. "Das Zieldatum bleibt der 24. November", bekräftigt dagegen ein westlicher Diplomat.

Zentrales Anliegen der 5+1-Gruppe ist es, dem Iran durch technische Auflagen einen Ausbruch aus der rein zivilen Nutzung der Atomkraft so schwer wie möglich zu machen. Iran will die Sanktionen, die die Wirtschaft des Landes lähmen, abgeschafft sehen.

Die jüngsten Gespräche im Golfstaat Oman brachten keinen Schub für die Wiener Schlussrunde. Sie waren aus US-Sicht "zäh, direkt und ernsthaft." "Wir haben weder einen Vor-, noch einen Rückschritt gemacht", fiel das Fazit von Irans Vizeaußenminister Abbas Araghchi sehr nüchtern aus. Alles ruhe nun auf dem Prinzip Hoffnung.

Bemerkenswert war diese Woche ein Deal in Moskau. Russland will im Iran acht neue Atomreaktoren bauen. "Das Timing des Deals ist schon suspekt", meint Meier. Mit dieser nun langfristig ausgeweiteten russisch-iranischen Kooperation werde ein Angebot der 5+1-Gruppe für den Iran wohl weniger reizvoll: Die Rückkehr in die internationale Zusammenarbeit bei der zivilen Nutzung der Atomkraft. Obendrein erhalte Teheran - selbst wenn Russland zunächst den Brennstoff liefere - ein Argument, warum es auf großen eigenen Kapazitäten zur Anreicherung von Uran bestehe, sagt Meier. Genau das ist den UN-Vetomächten ein großer Dorn im Auge.

Moskau spielt möglicherweise aber auch bei der Kontrolle des iranischen Urans eine Schlüsselrolle. Laut "New York Times" hat Teheran unter Vorbehalt zugestimmt, einen Großteil seiner Uran-Vorräte nach Russland zu schicken und dort zu lagern. "Das wäre ein Schritt zur Verlängerung der Ausbruchszeit", sagt Meier. Wenn sich Irans nukleares Material im Ausland befände, würde die Entwicklung von Atomwaffen im Zweifelsfall deutlich länger dauern.

In den Verhandlungen - bei denen Verschwiegenheit eine fast perfekt funktionierende Pflicht der Teilnehmer ist - soll der Iran zuletzt Zugeständnisse gemacht haben. Teheran soll bereit sein, weniger Uran anzureichern und auch auf schnellere Zentrifugen zu verzichten. Irans Präsident Hassan Ruhani, der durch seine Politik die Verhandlungen erst möglich gemacht hat, braucht Erfolge. Ruhani hatte seinen Wählern - auch dank einer Einigung im Atomstreit - ein baldiges Ende der Wirtschaftskrise versprochen. 16 Monate nach seinem Amtsantritt werden Ruhanis Anhänger ungeduldig. "Bei Ruhani geht es jetzt auch um seine Glaubwürdigkeit," so ein westlicher Diplomat in Teheran.