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| 01:39 Uhr

Ein Rostocker Kapitän war das Findelkind der „Gustloff“

Peter Weise blieb dem Wasser treu: Er wurde Kapitän.
Peter Weise blieb dem Wasser treu: Er wurde Kapitän. FOTO: privat
Niemand kannte das Kind, das im Januar 1945 wie tot in einem Boot der „Gustloff“ lag. Aber es lebte: ein kleines Wunder am Rande der größten Schiffskatastrophe der Geschichte. Die Tragödie des ursprünglich von den Nationalsozialisten als Kreuzfahrtschiff eingesetzten Flüchtlingsschiffes ereignete sich am 30. Ja nuar 1945 in der Ostsee. Kurz nach dem Verlassen des Hafens wurde das Schiff vom sowjetischen U-Boot „S-13“ angegriffen und versenkt. Von Steffen Reichert

Die Decken sind gefroren, die Kleidungsstücke dreckig. Mit zittrigen Händen nehmen die uniformierten Männer das scheinbar leblose Bündel aus der Fischtonne eines Bootes heraus. Es ist ein winziger Junge, den die Matrosen gefunden haben - in einem Rettungsboot des zerstörten Schiffes, das sieben Stunden zuvor gesunken war. Und zu einem Zeitpunkt, da längst niemand mehr von denen lebt, die die Soldaten in der eiskalten Ostsee finden.
Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges. Von Osten her rücken die Truppen der Roten Armee immer weiter in Richtung Berlin. Die Menschen, vor allem in Ostpreußen, sind auf der Flucht. Völlig unkoordiniert wird zu Beginn des Jahres das Unternehmen „Hannibal“ ausgerufen. 2,5 Millionen Menschen sollen in den Westen des Reiches gebracht werden. Für das riskante Vorhaben wurde auch die einst luxuriöse „Wilhelm Gustloff“ eingeplant.

Als Luxusliner gebaut
Keine acht Jahre ist das Kreuzfahrtschiff 1945 alt. Es ist als Luxusliner vom Stapel gelaufen, hat 25 Millionen Reichsmark gekostet und ist für 417 Besatzungsmitglieder sowie 1463 Passagiere ausgelegt. Die letzte Reise des Schiffes beginnt Ende Januar 1945. Die „Gustloff“ ist inzwischen militärisch grau gestrichen, obwohl für neutrale Schiffe die Farbe Weiß vorgeschrieben ist. 7956 Menschen werden an Bord offiziell registriert, doch geschätzt wird, dass weitere 2500 Flüchtlinge auf Deck sind.
Die vier Kapitäne an Bord ringen stundenlang darum, wie und wann das Schiff seinen Weg nehmen soll. Am Ende entscheidet einer, dass es wegen seiner Überladung durch tiefe Gewässer fährt. Weil deutsche Minenleger unterwegs sind, werden Positionslichter zur Vermeidung von Kollisionen gesetzt: Nun ist die „Gustloff“ für jeden auszumachen. Am Abend des 30. Januar wird es schließlich von drei sowjetischen U-Boot-Torpedos getroffen. Die „Gustloff“ sinkt innerhalb von einer Stunde - die herbei eilenden Rettungsboote können nur 1252 Menschen retten. Für mehr als 9000 Flüchtlinge, Kranke und Soldaten kommt jede Hilfe zu spät.
Für Peter Weise aber kommt sie gerade noch rechtzeitig. Der Rostocker ist jenes „kleine Bündel“ , das am frühen Morgen des 31. Januar gerettet wird. Ein Obermaat aus einem Rettungstrupp hat ihn entdeckt. Das Kind, vielleicht ein Jahr alt, überlebt als Jüngstes die Tragödie. Der Mann, der es findet, entscheidet spontan: Er will den Jungen aufziehen. Das Kind wird zunächst nach Swinemünde zu Bekannten gebracht. Leibliche Eltern sind nicht mehr zu finden. Die Männer nennen den Findling Peter, den „Fels in der Brandung“ . Und der Amtsarzt legt fest: Der Tag seiner Rettung, der 31. Januar 1945, wird in den amtlichen Papieren als Geburtsdatum von Peter Weise vermerkt. Das alles erfährt der Junge zum ersten Mal, als er zwölf ist. Er beginnt in einem geheimnisvollen Koffer seiner Eltern zu kramen, der sich als Depot von Schriftstücken und Zeitungsausschnitten zu seiner eigenen Geschichte entpuppt.

Politikum im Kalten Krieg
Sein Fall wird zum Politikum. Der „heiße“ Krieg ist beendet, da beginnt der kalte. In westdeutschen Zeitungen meldet sich ein Mann zu Wort, der angibt, Peters Vater zu sein: Einen Nachweis gibt es nicht. Stattdessen den Vorwurf, dass der Junge in der sowjetisch besetzten Zone festgehalten wird. Auf höchster deutsch-deutscher Regierungsebene laufen jahrelang Gespräche, die neue Familie Peters ist in ständiger Sorge, den Jungen zu verlieren. Doch dann steht die Entscheidung fest. Peter Weise darf in Rostock bei seinen neuen Eltern bleiben. Auch später, macht er sich nie auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern. Zu wichtig ist ihm seine neue Heimat geworden. Peter Weise wächst da auf, wo sein zweites Leben begann: am Wasser. Und er arbeitet da, wo er sich immer heimisch fühlte: auf dem Meer. Als Kapitän auf großer Fahrt kann er die Welt erleben.