Ein Himmel zum runden Jubiläum: Der jüngste Neuzugang im Museum der bildenden Künste Leipzig erfordert starke Nackenmuskeln. Die Kunstwelt muss nach oben schauen, wenn sie das Werk des Malers Ben Willikens betrachten will. Der 75-Jährige hat seiner Heimatstadt ein riesiges Deckengemälde für das vor zehn Jahren eröffnete Ausstellungsgebäude geschenkt, finanziert von einem Sammler. Sein "Leipziger Firmament" überspannt in 17 Metern Höhe ein Foyer - und bedeckt die 462 Quadratmeter Fläche.

Zur Betrachtung der 38 mit Acryl bemalten Platten aus Aluminium wurden extra Kippliegen angeschafft. "Es ist unvergleichbar", sagt Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt und spricht von "wunderbarer Fügung". Er kenne kein Museum mit so einer Arbeit und kein anderes Deckenbild dieses Formats, abgesehen von der Sixtinischen Kapelle in Rom. Für den Künstler war es eine Herausforderung - zwang es ihn doch zur Auseinandersetzung mit seinem Leben und Schaffen.

"Leipzig war ja nie vergessen", sagt der für seine Darstellungen menschenleerer Innenräume bekannte Maler. Als Kind erlebte er die Bombardierung der Stadt, ehe die Familie 1947 gen Westen zog. Die Collage, eine Essenz biografischer Nähe, der Erinnerungen und einer bis 2004 gepflegten Distanz zu Leipzig, sei "eine Art Enzyklopädie der eigenen Bilderwelt". Die Idee eines solchen Werks war ihm auch wegen der Architektur des Gebäudes sofort sympathisch, erzählt er.

Im modernen Haus erfuhr eine der ältesten und wichtigsten deutschen bürgerlichen Kunstsammlungen neue Würdigung und Bereicherung. "Die Kunstwelt ist auf uns aufmerksamer geworden", sagt Direktor Schmidt. Leipzig sei auf die Landkarte großer Museen zurückgekehrt, spiele in einer Liga mit der Bremer Kunsthalle und dem Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Im Domizil an zentraler Stelle sei das Museum zu einem "kulturellen Mittelpunkt mit internationaler Anziehungskraft" geworden, bestätigt Thomas Müller-Bahlke als Sprecher der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen.

Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber sieht den Kubus als Domizil für die bedeutende bürgerliche Sammlung und auch Forum für zeitgenössische Kunst. Der Neubau sei "ein wichtiger Schritt, um Leipzig auch überregional wieder als Stadt der bildenden Kunst wahrnehmbar zu machen".

Auf der Erfolgsseite stehen laut Schmidt der mit Österreich ausgehandelte Dauerleihvertrag für Klingers Gemälde "Christus im Olymp", der Ankauf des Klinger-Bildes "Der pinkelnde Tod" und die Rückkehr der Beethoven-Plastik aus dem Gewandhaus zu den Erfolgen der vergangenen Dekade.

Absoluter "Hit" der Ausstellungen war die erste große Retrospektive, die Maler Neo Rauch nach langer Leipzig-Abstinenz ausrichtete. Insgesamt wuchs das Publikumsinteresse aber nur überregional. "Es gibt hier immer noch Vorbehalte gegen die Architektur, aber dafür können ja die Bilder nichts", bedauert Schmidt. Bei einer Führung könne es passieren, dass gefragt werde, wer eigentlich die Fenster putzt.

Hoffnung machen ihm junge Paare, die Kunst sammeln und sich an Ankäufen des Museums orientieren. "Und es gibt mittlerweile viele neue Einwohner, die das museale Standing gewohnt sind, das wir hier bieten."

Mehr als 1,3 Millionen Besucher und gewachsenes Interesse von Kollegen, Künstlern und Sammlern stehen auf der Haben-Seite der städtischen Einrichtung. "Mit mehr Unterstützung könnte das Museum noch mehr strahlen", sagt Direktor Schmidt, der sich derzeit mit "nettem Networking" behilft. Zum Jubiläum wünscht er sich eine höhere Wertschätzung der Politik - und ein oder zwei große Sonderschauen pro Jahr.