Und die neun obersten Richter haben darüber hinaus entschieden, dass ein Volksentscheid in Kalifornien, bei dem mit knapper Mehrheit die Homo-Ehe abgelehnt wurde, keine rechtliche Bindung hat.

Wieder einmal fiel diese Entscheidung des Gerichts mit der denkbar knappsten Mehrheit - fünf gegen vier. Und sie ist verbunden mit einer richtungsweisenden Begründung. Die Mehrheit begründet ihr grünes Licht für die Homosexuellen unter anderem mit der Menschenwürde (auf Englisch: dignity) - einem Begriff, der sich im Gegensatz zum Grundgesetz nicht direkt in der Verfassung der USA wiederfindet und hat sich damit in ihrer Auslegung der Verfassungsnormen auf Neuland begeben - sehr zum Ärger nicht nur eines Großteils der oppositionellen Republikaner, sondern auch im Gegensatz zu vielen Religionsgemeinschaften, insbesondere zur katholischen Kirche. Das oberste Gericht hat mit dieser Entscheidung all jenen einen Dämpfer verpasst, die ihre zumeist aus der Religion begründeten ethischen Normen als allgemeinverbindlich ansehen. Indirekt hat es - und nur so ist auch die Entscheidung des ansonsten eher konservativen Gerichtshofes zu erklären - die Vielfalt der politischen Landschaft in den USA weiter verstärkt.

Denn nun wird der Bundesstaat auch im Eherecht den in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlichen Regelungen unterworfen. Wie genau dies aussehen wird, weiß derzeit keiner. Einige Staaten verbieten ja die rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ausdrücklich. Wie aber werden dort solche Ehen behandelt, wenn sie im Nachbarschaftsstaat ganz legal zustande gekommen sind und auch in den Bundesgesetzen gesetzlich anerkannt werden? Der rechtliche Flickenteppich, der heute bereits in vielen Bereichen in den USA existiert, wird um eine wichtige Facette reicher.

Mit einer anderen Mehrheit hatte der Gerichtshof wenige Tage zuvor eine Entscheidung gefällt, die einer ähnlichen Logik folgte, diesmal allerdings sehr zum Gefallen der Konservativen. Er hat ein wesentliches Gesetz der Bürgerrechtsbewegung aufgehoben. Diese Regelung aus den 60ziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlaubte der Bundesregierung insbesondere in den Südstaaten gegen diskriminierende Wahlverfahren vorzugehen. Damit sollten Minderheiten ein gleichberechtigter Zugang zu den Wahlurnen garantiert werden. Solche Kontrollmaßnahmen durch die Bundesregierung seien nicht mehr notwendig, sagt eine Mehrheit der Richter. Damit folgen sie einem Trend zu einer immer weiter gehenden politischen Verselbstständigung der Regionen in den USA. Die Küstenstaaten im Osten und im Westen sind inzwischen fast ausschließlich von Demokraten regiert, der Süden und die große menschenleere Mitte des Landes sind die Hochburgen der Konservativen. In den allermeisten Wahlkreisen steht der nächste Abgeordnete spätestens nach den parteiinternen Vorwahlen fest. Und zunehmend kommt zu der politischen Gespaltenheit des Landes auch eine kulturelle Kluft - abgesegnet von den höchsten Richtern - oder besser gesagt von genau dem einen, der jeweils den Ausschlag bei den knappen Entscheidungen gibt.