Am Morgen hatte der Chef der Agrargenossenschaft Petershain, Werner Otter, am Ortseingang eine tote Hirschkuh gefunden - gerissen von Wölfen, ist er genauso wie die Jäger überzeugt.
Auch in der Wildtierfarm Uhyst fehlen eines Morgens 16 Stück Damwild. Die 130 Hektar große Anlage in der Muskauer Heide liegt im Streifgebiet der einzigen frei lebenden Wölfe in Deutschland. 24 Tiere sind hier derzeit in zwei Rudeln bekannt. Nach solchen Vorfällen fordern Gegner des grauen Einwanderers immer wieder den sofortigen Abschuss. Mitten im Geschehen sitzt Jana Schellenberg. Die 28-Jährige ist Projektleiterin im Kontaktbüro. Sie mahnt zur Ruhe. "Eine Kollegin vom Wildbiologischen Büro Lupus ist vor Ort und sichert Spuren. Bislang hat sie weder Fährten noch Risse des Wolfs gefunden", sagt die Forstwirtin.

Systematisch ausgerottet
Während die beiden Mitarbeiterinnen des Wildbiologischen Büros das Verhalten der Raubtiere wissenschaftlich untersuchen, ist Jana Schellenberg Ansprechpartnerin für die Menschen. Dies bedeute vor allem aufzuklären. "Von einem gesunden Wolf in freier Wildbahn geht in der Regel keine Gefahr aus, denn der Mensch zählt nicht zum Beutespektrum des Wolfes", erläutert sie. Noch vor 150 Jahren habe der europäische Grauwolf hierzulande gelebt, sei aber systematisch ausgerottet worden. Auch in der DDR durften die wenigen aus Polen zugewanderte Tiere abgeschossen werden. Heute gehören sie laut Bundesnaturschutzgesetz zu den am strengsten geschützten Tieren.
Das weiß auch Günter Giese. "Der Wolf darf nicht gejagt werden. Aber wenn er zum Problem wird und natürliche Regulative aussetzen, muss man handeln", sagt der Präsident des Sächsischen Landesjagdverbandes. Nach seiner Einschätzung hat sich das Raubtier schon zu sehr auf Kosten anderen Arten ausgebreitet. Die Mufflons seien aus der Lausitzer Heide verschwunden. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es in dieser Region kein Rotwild mehr gibt", sagt der Jäger.

Die Jungwölfe wandern ab
Diese Befürchtungen teilt Hermann Ansorge nicht. Der Hauptkonservator des Museums für Naturkunde in Görlitz ist Wolfsexperte. "Wölfe halten sich nicht massenhaft in einem Gebiet auf. Nach ein bis zwei Jahren wandern die Jungwölfe ab. Die Sorge, dass sich die Population über die Maßen vergrößert, ist deshalb unberechtigt", sagt der Biologe. Ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Wildschafe und dem Auftauchen des Beutegreifers sei nur eine Vermutung. Zudem wären die Tiere nach Angaben des Bundesforstamtes ohnehin aus der Muskauer Heide entfernt worden. Auch die Forstbehörden sehen in den frei lebenden Wölfen kein Problem. Denn ausgerottet worden sei die Art nicht wegen ihrer Gefährlichkeit, sagt Konrad Fischer, Sprecher des Forstbezirks Bautzen. "In früheren Zeiten, als die Jagd noch eine größere Bedeutung für die Versor gung der Menschen hatte, wurde der Wolf als Nahrungskonkurrent gesehen." Heute trage das Raubtier hingegen zur Regulierung der überhöhten Wildbestände bei.
Wirtschaftliche Schäden für Schaf- und Wildzüchter seien nicht auszuschließen. Das Kontaktbüro hat seit Jahresbeginn mehrere solcher Vorfälle dokumentiert. Den Züchtern bietet es Beratung und Hilfe für eine Sicherung ihrer Koppeln und vermittelt Entschädigungszahlungen über die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe.

Ausstellungen und Vorträge
Umgekehrt profitiert der Tourismus. "Mittlerweile kommen Besucher speziell wegen der Wölfe zu uns", sagt Jana Schellenberg. Zweimal im Monat bieten sie und ihre Kollegen geführte Wolfsexkursionen an. Außerdem organisieren sie Ausstellungen und halten Vorträge. Auch an diesem Tag ist Jana Schellenberg deshalb schon wieder auf dem Sprung - zum nächsten Wolfstermin.