"Mahnwache für Thomas Nitzschke und René Bräunlich" steht auf einem Plakat an der Kirchenmauer hinter ihm. Auf dem Fußweg stehen Fotos der beiden, ringsherum hunderte Kerzen und Teelichter.
Ende Januar wurden die Leipziger René Bräunlich und Thomas Nitzschke im Nordirak entführt. Seither versammeln sich Angehörige, Kollegen und Sympathisanten regelmäßig auf dem gepflasterten Hof vor der Kirche. Bei Schneetreiben, Frost und im Regen sind es immer montags und donnerstags ein paar hundert Menschen - heute zum 20. Mal. Viele tragen ein grünes Band als Zeichen der Hoffnung am Ärmel, im Knopfloch oder am Kinderwagen.
Wenn kurz nach 18 Uhr die Glocken der Kirche verstummen, bittet Christian Führer um zwei Minuten des stillen Gedenkens. Dann rücken die Männer, Frauen und Kinder etwas näher zusammen und richten ihre Gedanken auf die Entführten. Mit dabei ist Michael Herrn. "Für mich ist der René wie ein Sohn", sagt der Fußballtrainer des SV Grün-Weiß Miltitz, Bräunlichs Fußballverein.
"Bei der Schweigeminute schießen mir Gedanken an das Schlimmste durch den Kopf", bekennt der 59-Jährige, "Nicht immer gelingt es mir, diese bösen Vorstellungen zu verdrängen." Doch der Trainer ist überzeugt: "Der René ist ein Kämpfer. Wie ein Stehaufmännchen hat er sich auf dem Platz immer wieder reingehängt und seine Mitspieler motiviert." So hofft er nun, dass dies Bräunlich auch in der Geiselhaft hilft.
"Landesweite Mahnwachen" fordert ein Mann auf einem selbst gemalten Plakat. In Düsseldorf und Wuppertal gibt es bereits Gebete und Wachen für die Sachsen. Nikolaikirchenpfarrer Führer berichtet von dutzenden Briefen und E-Mails mit Aufmunterungen aus dem ganzen Land. In der sächsischen Kleinstadt Meerane haben Sprayer ein Riesen-Graffiti an eine Brücke gesprüht. "Wir bitten um die Freilassung" steht auf dem Bild mit den großen bunten Kerzen. "Ich hoffe, wir konnten damit einigen Menschen den Ernst der Situation ins Gedächtnis rufen", heißt es.
Besonders schlimm wäre es, wenn das Schicksal der Ingenieure schleichend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwände, schrieb der CDU-Politiker Bernhard Vogel an Pfarrer Führer. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) lobte das unermüdliche Engagement der Menschen bei der Mahnwache. Damit sie aber nicht als staatliche Aktion wahrgenommen werde, könne er selbst nicht teilnehmen, ließ er die Leipziger wissen.
Ein Krisenstab im Auswärtigen Amt arbeitet derweil an einer Lösung der vertrackten Geisel-Situation. "Wenn es denn nur am Geld liegt, sollte es endlich gezahlt werden", meint Christian Führer. "Geld kann ersetzt werden, ein Menschenleben nicht."
Peter Bienert vom Anlagenbauunternehmen Cryotec hat viele Hebel in Bewegung gesetzt, um seinen verschleppten Angestellten zu helfen. "Wir arbeiten seit Wochen parallel: Einerseits starten wir Aktionen für Thomas Nitzschke und René Bräunlich", sagt der Chef. Zuletzt schaltete die Firma die Internetseite www.wehope.de als Zeichen der Hoffnung. "Andererseits müssen wir weiter unsere normalen Aufträge abarbeiten", meint der Katholik. "Ich bete für René und Thomas."
Zum Abschluss der Mahnwachen liest Pfarrer Führer meist den Psalm 126. "Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland", heißt es da. Führer schöpft daraus Hoffnung und liest weiter: "Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten." Sobald die Geiseln frei sind, soll in der Nikolaikirche ein Dankgottesdienst gefeiert werden. An diesem Donnerstag aber steht die 20. Mahnwache an. Auch Bräunlichs Fußballtrainer Michael Herrn ist wieder dabei. "Das ist eine Frage des Anstands."