21 Jahre ist es her, dass ein haitianisches Oberhaupt zum Staatsbesuch nach Deutschland kam. Seitdem ist viel passiert - oder auch nicht. Je nachdem, wer aus welcher Perspektive zurückblickt.

Während nämlich Wohlstand und Lebensstandard in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten kontinuierlich angewachsen sind, blicken Haitianer auf verlorene Jahre, auf Jahre des Schreckens zurück. Haiti nahm alles mit, was ein Staat sich nicht wünscht: Militärputsch, Diktatur, Geheimpolizei, Todesschwadrone. Und wäre alles das nicht genug, erschütterte 2010 ein schweres Erdbeben die Insel. Neun Monate nach dem Erdbeben, das große Teile der Infrastruktur zerstörte, wurde das Land von der Cholera heimgesucht.

Trotz der Aufbauhilfe - unter anderem auch aus Deutschland - leidet das Land bis heute unter den Folgen der Katastrophe. Grundnahrungsmittel sind für viele unbezahlbar, die Kindersterblichkeit hoch.

Reporter berichten, dass heute noch die Reste zahlreicher Leichen unter zerfallenen und nie wieder aufgebauten Häusern vergraben liegen. Die hygienischen Bedingungen sind an vielen Orten Haitis für die heimische Bevölkerung schlichtweg unerträglich. Auch politisch steckt das Land in einer Sackgasse. Parlamentswahlen wurden gleich mehrfach verschoben. Nun sollen sie 2015 stattfinden. Das jedenfalls versprach Martelly bei seinem Besuch in Berlin.

Viele Wahlmöglichkeiten bleiben ihm auch nicht, wenn er weiterhin in den Genuss ausländischer Hilfsgelder kommen will.

Die USA und Kanada machen derzeit mächtig Druck und drohen, die Überweisungen in dreistelliger Millionenhöhe zu stoppen, wenn Martelly keinen Ausweg aus der politischen Krise findet. Von ausländischen Geldern ist der geschundene Inselstaat in hohem Maße abhängig, auch wenn Martelly betont, sein Land wolle kein "Nehmerland" sein, sondern auf ausländische Investoren setzen. 40 Prozent des Haushalts werden zurzeit vom Ausland finanziert. Deutschland verlässt Martelly mit einem "Danke schön" an Merkel. "Danke, dass Sie uns zuhören". Und dann sagte er noch, ganz "Sweet Micky": "Es ist kalt bei Ihnen, aber Ihr Herz ist ja warm."

Zum Thema:
Der karibische Inselstaat Haiti gilt als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre. 80 Prozent der zehn Millionen Einwohner müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Ein katastrophales Erdbeben verschlimmerte 2010 die Lage noch. Rund 230 000 Menschen kamen ums Leben, mindestens 1,2 Millionen wurden obdachlos. Armut und Gewalt trieben Millionen Haitianer ins Exil.