Ein kleiner Pinsel legt das große Grauen frei. Unter der sengenden Sonne der irakischen Wüste sitzt ein Mann am Rand eines Massengrabs und legt ein Skelett frei, Sandkorn für Sandkorn. US-Verbindungsoffizier Gregg Nivala soll Beweise liefern für den geplanten Prozess gegen den ehemaligen irakischen Machthaber Saddam Hussein. Die Regierungen in Washington und Bagdad vermuten, dass in der Wüste bei Samawa im Süden des Irak etwa 1500 Menschen einst erschossen und anschließend in sieben Massengräbern verscharrt worden sind. Zahlreiche Menschen sind derzeit in dem weitläufigen Gebiet mit dem Freilegen und Untersuchen der sterblichen Überreste beschäftigt.

Klare Hinweise auf kurdische Opfer
Schmuckstücke findet Nivala in dem Massengrab ebenso wie goldfarbene und rote Gewänder. Für den Offizier ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich um die Leichen von Kurden aus dem Norden des Landes handelt, die während der Herrschaft Saddam Husseins bis hierher, 270 Kilometer südlich von Bagdad, getrieben wurden, um dann hingerichtet zu werden.
Auch der Zeitpunkt der Gräuel kann ziemlich genau bestimmt werden, wie der vor Ort tätige US-Archäologe Sonny Trimble erläutert: "Wir haben Arzneimittelpackungen mit Verfallsdaten und zerbrochene Uhren mit Datumsangaben gefunden. Das sind nützliche Hinweise." Bei den Opfern handelt es sich ihm zufolge um Kurden, die während der El-Anfal-Kampagne der Regierung von Saddam Hussein 1988 getötet wurden. Komplette kurdische Dörfer wurden damals dem Erdboden gleichgemacht. Allein bei einem Giftgasangriff auf die kurdische Ortschaft Halabdscha starben Schätzungen zufolge rund 5000 Menschen.
Die hierher gebrachten Menschen scheinen hingegen erschossen worden zu sein, wie der ehemalige irakische Menschenrechtsminister Bachtiar Amin sagt. Sie hätten sich vor die offenen Gräber stellen müssen und seien dann mit AK-47-Gewehren getötet worden. "Es war schrecklich", sagt Amin. Er verweist auf Patronenhülsen, die er zwischen den Skeletten gefunden hat, und Schussspuren an den Knochen. Die meisten der Opfer seien Frauen und Kinder gewesen. Seit dem Sturz der Regierung von Saddam Hussein im April 2003 seien schon mehr als 290 Massengräber mit mindestens 300 000 Leichen gefunden worden.

Beweise gegen Saddam Hussein
Sieben Punkte führt die Anklageschrift gegen den ehemaligen Staatschef auf: Neben dem Einmarsch in Kuwait 1990 und dem Massaker an schiitischen Aufständischen 1991, sind darunter auch der Giftgasangriff auf Halabdscha und die El-Anfal-Kampagne. Allein für Letztere wurden über 1000 Zeugen befragt und 14 Tonnen Dokumente zu- sammengetragen, wie Untersuchungsrichter Raid Dschubi sagt. Die Arbeiten bei Samawa sollen die Beweislast nun noch erhöhen. Die USA scheuen vor dem Prozess weder Mühen noch Kosten: Allein für die Untersuchungen von Massengräbern haben sie bisher mehrere Millionen Dollar ausgegeben.