„Die Liebe zu Gott
und die Liebe
zu den Motorrädern,
die gehören für mich schon lange zusammen.“
 Christoph Lange


„Die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Motorrädern, die gehören für mich schon lange zusammen“ , sagt Lange und zeigt ein paar großformatige Fotos in der Sakristei seiner Kirche. Aufnahmen aus seiner Zeit in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree), vielmehr von den Andachten, die er dort jeweils im Frühjahr und im Herbst für die Biker anbot. Von überall her kamen sie da, die schweren Jungs, viele Frauen auch, mit großen und kleinen Maschinen, und die Fotos zeigen Gesichter, die man sonst wohl selten in einer Kirche findet, die aber dennoch zuhören können, wenn einer ihre Sehnsucht versteht nach der Weite der Straße und der Kraft der Motoren. Wenn dann so einer kommt wie Christoph Lange, der eben auch mal Öl an den Händen hat und der ihnen nicht die Bibel um die Ohren haut in seiner Predigt, dann kommen sie gern und hören zu, wenn er ihnen rät: „Fahr’ nie schneller, als dein Schutzengel fliegen kann.“ „“
Sahnehäubchen seines Berufes sind für Lange diese „ganz besonderen Gottesdienste“ im Jahr, und er ist sehr gespannt, wie viele Teilnehmer sich einfinden, wenn er dieses Jahr zum ersten Forster Biker-Korso einlädt. Seit März arbeitet Lange (53) nun in der Lausitz, eigentlich war der erste Gottesdienst für die motorisierten Kirchenfans erst für das kommende Frühjahr geplant. Für die Zeit des Aufbruchs, der Fröhlichkeit und des Neubeginns. Allzu viele Biker hätten ihn aber gebeten, die Herbst-Andacht nicht ausfallen zu lassen, sagt Lange, und vielleicht braucht er selbst inzwischen auch mal wieder ein kleines Erfolgserlebnis – seit März arbeitet er nun in Forst, und obwohl die Gemeinde hier mit 2400 Mitgliedern fast doppelt so groß ist wie die in seinem alten Wirkungskreis, finden sich sonntags nur kaum zwei Dutzend Gläubige vor dem Altar zusammen. In Eisenhüttenstadt kamen im Schnitt 81, da muss sich der Pfarrer umgewöhnen.
Geboren in Beeskow (Oder-Spree), wurde ihm der Besuch der Erweiterten Oberschule verwehrt. „Ich war christlich erzogen, weder bei den Pionieren noch der FDJ und auch nicht bei der Jugendweihe. Und bis heute bin ich froh, dass meine Eltern dieses Rückgrat hatten“ , sagt er.
Da er schon als Junge begeisterter Hobbybastler war, machte er in Frankfurt (Oder) eine Lehre zum Elektroniker und arbeitete einige Jahre im Drei-Schicht-System. Für ihn sei das eine prima Erfahrung gewesen, mit der ganz normalen Arbeitswelt in Berührung zu kommen – und außerdem half der Job, seine Leidenschaft zu finanzieren: alte Autos und Motorräder aufzupolieren.
Irgendwann aber reichte all das nicht mehr, um die Leere in Kopf und Herz zu füllen. In einer Kirchenzeitung las Lange von der Möglichkeit, in Greifswald Theologie studieren zu können – nach einer Sonderprüfung auch ohne Abitur. „Eine sehr schöne Zeit“ , erinnert sich der Kirchenmann. „Die Uni war nicht so gleichgeschaltet wie viele andere, wir konnten uns erfolgreich gegen den Versuch wehren, uns über den Sport in eine Art Wehrkunde einzubeziehen.“ Und der Unterricht in Marxismus-Leninismus sei eine intellektuelle Herausforderung gewesen. Sein Vikariat, damals schon als Familienvater mit zwei Kindern, absolvierte er südlich von Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster), wo er bis zur Wende blieb und sich bei „Demokratie Jetzt“ engagierte. Mitgliedsausweis Nummer 125, darauf ist er bis heute stolz.
Und dann also Eisenhüttenstadt. Sozialistische Musterstadt, geplant als kirchenfreier Raum, dann aber doch mit einem Gotteshaus bedacht. Einmal mehr eine Herausforderung für Lange. Der Bau war modern, die Baustoffe mangelhaft. „Wir mussten alle Fenster austauschen, eine neue Heizungsanlage organisieren, haben eine Solaranlage installiert.“ Neben dem äußeren Umbau kümmerte sich der Pfarrer um eine Neugestaltung des Gemeindelebens: Die Kirche wurde zum Ausstellungsort, zum Forum und Treffpunkt für Gesprächskreise aller Altersgruppen – und Nationalitäten. Denn ausgerechnet in Eisenhüttenstadt wurde die Zentrale Anlaufstelle für Flüchtlinge eingerichtet, viele darunter Christen. Das brachte neben politischem Zündstoff viel Positives in die Gemeinde: „Wir haben gemeinsam gesungen, gelacht, getrommelt“ , erzählt der Pfarrer, der die Auseinandersetzung mit Gegnern der Asylbewerber nie scheute.
Und wenn er von Besuchen in Indien erzählt, in der Partnergemeinde von „Steel City“ , dann spürt man, was diesem Mann das Wort „Leben“ bedeutet. „So ein schreckliches faszinierendes Land. Da steht man dann und soll vor 15 000 Menschen predigen. Aber was sagt man denen, quasi als guter Onkel aus dem Westen?“ Diesen Menschen, die oft nicht einmal Schuhe besitzen, die sich nach Farbfernsehen und Mopeds sehnen, denen habe er begreiflich machen wollen, dass sie eigentlich einen viel größeren Reichtum besäßen. „Denn dort in Indien habe ich mehr Menschlichkeit gefunden als hier“ , sagt Lange.
Überhaupt: Lebendig sein, intensiv spüren, was um einen herum passiert, Begegnungen suchen, all das scheint diesem Mann wichtig zu sein. Daraus bezieht er seine Energie, das will er wohl auch seiner Gemeinde vermitteln durch Reisen, Konzerte, Gespräche, ungewöhnliche Kontakte. Aber Forst ist keine Stadt, die sich leicht öffnet. Zudem litt die Nikolaikirche in den vergangenen Jahren unter einer hohen Personalfluktuation, es wartet also viel Aufbauarbeit auf Lange und seine zweite Frau Anett, die als Religionslehrerin in der Stadt arbeitet. Für sie bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, war mit ein Grund, in die Lausitz zu ziehen. Ein zweiter: Langes Mutter lebt bis heute in Beeskow. „Ich will regelmäßig nach ihr schauen können. Und wenn ich in zehn, elf Jahren in Rente gehe, ziehen wir ganz dorthin.“ Noch aber ist der Ruhestand nur eine ferne Option. Vorher will er hier in etwa das schaffen, was ihm schon in Eisenhüttenstadt gelungen ist: viele Menschen zusammenzubringen im Glauben.
Zum Abschied noch ein Satz, der ziemlich traurig klingt: „Es ist erschreckend“ , sagt Christoph Lange, „mit wie wenig Leben sich viele Menschen heute zufrieden geben. Eine Flasche Bier am Abend und das Fernsehprogramm, und das soll’s dann gewesen sein?“

zum thema Der erste Biker-Gottesdienst der Region
 Am 28. September um 14 Uhr beginnt der erste große Biker-Gottesdienst der Region. Zum Ende der Saison und zum Gedenken an die Opfer von Unfällen treffen sich die Motorradfahrer an der Nikolaikirche Am Markt in Forst (Spree-Neiße) und fahren nach einer gemeinsamen Andacht im Korso durch die Region. Ziel ist die Forster Bachkirche, wo das Treffen bei Kaffee und Kuchen ausklingt.