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Ein Naturgesetz gilt seit diesem Wahlsonntag nicht mehr

Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU, hat das Direktmandat an die AfD verloren. "Ich hatte keinen Plan B."
Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU, hat das Direktmandat an die AfD verloren. "Ich hatte keinen Plan B." FOTO: dpa
Dresden. Lange galt in Sachsen: Es ist Wahl, und die CDU gewinnt. Nicht nur Generalsekretär Michael Kretschmer reibt sich nun die Augen. Christine Keilholz / ckz1

Ein übernächtigter Michael Kretschmer trat am Montag vor die Presse. Zu den Aufgaben eines Generalsekretärs gehört es auch, am Tag nach der Wahl das Abschneiden seiner Partei zu erklären. Dieses Ergebnis war für Kretschmer auch persönlich bitter. Der 42-jährige CDU-Mann hat seinen Wahlkreis Görlitz an die AfD verloren.

Am Ende lag Kretschmar mit 31,4 Prozent hinter dem AfD-Mann Tino Chrupalla, der auf 32,4 Prozent kam. Ein hauchdünner Unterschied von 1581 Stimmen hat dazu geführt, dass der langjährige Vize der Unions-Bundestagsfraktion den Wiedereinzug ins Parlament verpasst. Kretschmer selbst spricht von einem "ordentlichen Magenschwinger" und einer "Zäsur für mich persönlich", die er am Wahlabend erfahren hat. Er sei eigentlich mit einem ganz positiven Gefühl aus diesem Wahlkampf in den Wahltag gegangen. Und gefragt, was nun wird, kam erstmal nur ein Schulterzucken: "Ich hatte keinen Plan B."

Den hätte er nach den bisherigen politischen Üblichkeiten in Sachsen auch nicht gebraucht. Lange galt für Wahlen in Sachsen ein Naturgesetz: Die Partei, die seit 27 Jahren die Regierung im Freistaat stellt, gewann auch 27 Jahre lang verlässlich alle Direktmandate für den Bundestag. So war das in der Hip-Metropole Leipzig ebenso wie im ländlichen Vogtland oder der Lausitz. Bei Landtagswahlen immerhin gelang es vereinzelt der Linken, Wahlkreise zu erobern, aber das waren Ausnahmen. Dieses Naturgesetz gilt seit diesem Sonntag nicht mehr. Von den 17 sächsischen Wahlkreisen verlor die CDU drei an die AfD. In der Sächsischen Schweiz gewann AfD-Landeschefin Frauke Petry mit 37,4 Prozent - inzwischen hat sie nach einer missglückten Revolte ihren Austritt aus der Partei angekündigt. In Görlitz wurde Michael Kretschmer nach 15 Jahren abgewählt.

Sachsens CDU verliert ihren Alleinvertretungsanspruch. Da rieben sich am Tag nach der Wahl auch die ungläubig die Augen, die 27 Jahre lang vergeblich angegriffen haben. "Wer hätte noch vor Jahren geglaubt, dass die CDU zu schlagen ist", gab Sachsens Linken-Chef Rico Gebhardt zu Protokoll. Aber dass das ausgerechnet die AfD geschafft hat mit dumpfer Systemschelte und Hetze gegen Minderheiten, das war auch für die Linken kein Grund zur Freude. Immerhin, ein weiterer Wahlkreis in Leipzig ging diesmal an den Linken Sören Pellmann.

Kretschmer kann sich das nicht erklären. Er meint, es sei nicht gelungen, den Menschen ihre eigene Erfolgsgeschichte glaubhaft zu erzählen. "Ich sehe, was alles geworden ist, dass junge Leute wieder Perspektiven haben in der Heimat", sagt er. Trotzdem habe man es nicht geschafft, "dieser depressiven Stimmung eine Idee für die Zukunft und einen Stolz auf das Erreichte entgegenzusetzen".

Der gelernte Wirtschaftsingenieur ist seit 1989 in der CDU aktiv. Er leitete den Kreisverband Görlitz, stieg 2003 in den Landesvorstand auf und ist seit 2005 Generalsekretär. In dieser Funktion ist er einer der Strategen im Landesverband. Als Abgeordneter wirbelt er zwischen seinem Wahlkreis Görlitz, Dresden - wo seine Familie lebt - und dem Bundestag in Berlin. Bei dem Wahlen 2013 holte er 49,6 Prozent der Erststimmen. 2009 wurde Kretschmer erstmals zum stellvertretenden Fraktionschef gewählt. Gestern wählte die neue CDU/CSU-Bundestagsfraktion ihre Spitze neu - diesmal ohne ihn. Was er jetzt macht - Innenminister in Sachsen wird bereits spekuliert, Staatssekretär, ob er Generalsekretär bleibt - ist völlig offen.

Der Gewinner im Wahlkreis 157 heißt Tino Chrupalla. Der 42-jährige Malermeister aus Weißwasser hat eine Firma und drei Kinder. Er wird der ersten AfD-Fraktion im Bundestag angehören, deren Spaltung nach nur zwei Tagen zumindest gestern erstmal abgewendet schien.