Sobald sich die junge Frau in Gummihandschuhen, festem Schuhwerk und langer Kleidung einem Ameisenhügel nähert, herrscht Alarmstufe Rot im Insektenstaat. Die "Soldaten" schwärmen aus, um das Nest zu verteidigen, hektisch werden die unter der Deckschicht zum Vorschein kommenden, reiskorn-ähnlichen Puppen von den "Arbeiterinnen" in unteren Etagen versteckt. Doch vergeblich. Ungerührt und von Krabblern übersät gräbt sich die Försterin mit den Händen in den Haufen.

Umzug Schicht für Schicht
"Am Anfang taten die mit Ameisensäure versetzten Bissstellen noch weh. Aber ich habe mich daran gewöhnt", meint die Mitarbeiterin der Eberswalder Landesforstanstalt, während sie seelenruhig im wimmelnden Chaos kniet. Vorsichtig trägt sie Schicht für Schicht ab und sortiert Material nebst Innenleben in bereitstehende, nummerierte Papptonnen. "Damit wir das Nest am neuen Standort auch genauso wieder aufschütten können", so die Ameisen-Fachfrau. Mit dem Spaten werden auch Baumstubben und unterirdische Etagen umgefüllt - die Zentren der Ameisen-Macht nebst den königlichen Gemächern.

Rettungsaktion für 68 Nester
In den zurückbleibenden Trichter wirft die Försterin Reisig und streut etwas Zucker. "Dadurch werden die Ameisen zum Sammeln animiert, die wir beim ersten Umzug nicht erwischt haben." Im Sinne der Familienzusammenführung werden die Nachzügler einige Tage später eingesammelt.
Insgesamt 68 Nester muss Bianka Keil auf diese Weise in mühevoller Handarbeit umsiedeln. Jeden Tag ist sie vor allem in den frühen Morgenstunden im Eberswalder Stadtforst aktiv. "Wenn die Sonne nicht so hoch steht, sind die Tiere noch träge und damit pflegeleichter", erklärt sie.
Was bei Außenstehenden Verwunderung auslöst, ist für die Försterin eine Rettungsaktion. Sobald im Herbst die Bagger für den Ausbau des Oder-Havel-Kanals anrücken, haben die unter Naturschutz stehenden Krabbler keine Chance mehr. Ein 25 Kilometer langer Abschnitt zwischen Marienwerder und dem Schiffshebewerk Niederfinow der 1914 erbauten Wasserstraße wird erneuert, verbreitert und vertieft. "Der Kanal verläuft oberhalb des Geländes auf einem Damm aus Ton. Und der ist brüchig geworden", erläutert Susanne Konopatzky vom Eberswalder Wasser- und Schifffahrtsamt.
Im Zuge des Neubaus einer Kanalbrücke muss der künstliche Fluss auf einem zweieinhalb Kilometer langen Abschnitt - dem Lebensraum der 68 Ameisen-Millionenvölker von vier verschiedenen Ameisen - zudem umgeleitet werden. Der Heimatverlust soll gemäß der Auflagen möglichst schnell und schmerzarm ersetzt werden.

Neues Zuhause angenommen
Einige Stunden brauchen die Ameisen, um ihren neuaufgeschütteten Haufen wieder einigermaßen zu ordnen. Bis alle Schichten, Kammern und Tunnel perfekt sitzen, vergehen jedoch ein bis zwei Wochen. Eine erste Nachkontrolle bei bereits umgesetzten Nestern ergab, dass die meisten Krabbler-Kolonien ihr neues Zuhause gut angenommen haben. "Nur ein Ameisenstaat hat sich aus dem Staub gemacht. Gut möglich, dass sie an ihren angestammten Platz zurückwandern", vermutet Bianka Keil.