Seit bald einem Jahr ist der Mann mit den markanten Gesichtszügen Geschäftsführer der Cottbuser Industrie- und Handelskammer (IHK). Es wird sein letzter Job sein, er ist 58. "Also, Verzeihung, ein alter Sack", sagt Wolfgang Krüger. Drastische Worte, die deutlich machen, was in ihm vorgeht: "Ich bin plötzlich konfrontiert mit etwas, das auf das Ende zielt." Eine ungewöhnliche Erfahrung für jemanden, der immer in Bewegung war und alles für machbar hielt.Karriere beim WDRGeboren in Henningsdorf bei Berlin, zog er als Kind mit den Eltern nach Westfalen. Absolvierte die Volksschule, das Aufbaugymnasium, ging dann als Volontär zur Bild-Zeitung. Eine harte, wohl auch eine gute Schule. Aber Krüger befand schnell: "In dem Job kannst Du nicht alt werden." Also gönnte er sich ein "Studium aus Leidenschaft". Germanistik und Geschichte, Ziel offen. Finanziert hat er sich diesen Luxus durch Arbeit beim WDR-Hörfunk. "Dann kam die Arbeit an meiner Promotion - und parallel das Angebot, beim WDR eine Festanstellung zubekommen." Krüger entschied sich kurzerhand für beides: Arbeit bis um 17 Uhr, dann mit Stullen und Tee weiter am heimischen Schreibtisch. Doch trotz Doktortitel blieb Krüger beim WDR. Durch seine einprägsame Stimme war der Hörfunk-Journalist mit den Jahren auch bei seinen TV-Kollegen beliebt geworden: als Sprecher für ihre Beiträge. So wechselte er irgendwann zum Fernsehen, arbeitete für ein Abendmagazin und ließ sich erneut abwerben: als Referent des legendären Intendanten Friedrich Nowottny. "Eine unglaublich spannende und lehrreiche Zeit" erinnert sich der Journalist. "Immerhin war der WDR ein riesiger Apparat mit 4000 Beschäftigten und einem Milliardenetat." Verwaltungswissen, politisches Gespür und taktisches Geschick eignete sich der Westfale in diesen Jahren an. Fähigkeiten, die er zwar für einige Zeit auf Eis legte, später dann aber auf ganz anderem Parkett gut gebrauchen konnte. Zunächst aber stand etwas an, dass er heute als "die schwerste Operation meines Lebens" bezeichnete. Nowottny nämlich startete in seiner Amtszeit das erste ARD-Frühstücksmagazin. Krüger sollte - und wollte - Chefredakteur werden. "Problematisch war nur der geplante Standort. Das Magazin sollte aus Berlin senden. Und meine Frau wollte überall in der Welt leben - aber auf gar keinen Fall in Berlin." Man schrieb das Jahr 1988, West-Berlin war durch seinen Inselstatus nicht eben die lebenswerteste Stadt der Republik. Aber Krüger stellte den Job über das Privatleben. "Meine Frau wusste schließlich, wen sie geheiratet hatte. Mit einem Klammeräffchen jedenfalls hätte ich nichts anfangen können." Sie fügte sich, folgte ihrem Mann nach Berlin - mitten hinein in den Trubel aus Zeitenwende, Senderfusionen und immer neuen beruflichen Herausforderungen, die ihren Mann zeitweise bis nach Amerika führten. Bei allem Drang ins Neue und Weite suchte Krüger einen Fixpunkt, wollte sich erden. Als die Geburt seines ersten Sohnes bevorstand, beschloss er: Der Junge kommt in Henningsdorf zur Welt, dort, wo er selbst das Licht der Welt erblickte. Wenig später ließ sich die ganze Familie dort nieder, Krüger engagierte sich für die CDU im Kreistag Oberhavel und glitt unmerklich hinein in seine zweite Karriere, fern des Journalismus. Er kandidierte für den Landtag, scheiterte und "schaute zunächst ganz schön blöd aus der Wäsche". Aber hinter ihm lagen 25 Jahre Journalismus. Spannend wäre wohl nur noch ein Intendantenstuhl gewesen. "Aber dafür fehlte es mir in letzter Konsequenz an politischer Geschmeidigkeit."So war er froh, als der damalige brandenburgische Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) ihm das Angebot machte, sein Staatssekretär zu werden. "Für die Beamten in seinem Ministerium war ich wohl ein Kulturschock", lacht der CDU-Mann. "Ich passte nicht zu dieser Behördenmentalität, alles dreimal absichern zu lassen und keine Verantwortung zu übernehmen." Spaß hatte er trotzdem an der Aufgabe - bis sein Minister sich in internen Grabenkämpfen der CDU verlor. "Mich haben manche als Verräter und Fahnenflüchtigen beschimpft", gibt Krüger offen zu. "Aber als ich Signale bekam, ich könne in Cottbus zur IHK gehen, war ich froh, der aktiven Politik den Rücken kehren zu können." "Die Leute ticken anders" Heute steht der Verwaltungschef an der Spitze eines "kleinen schlanken Apparates" und genießt, wie zügig Dinge umgesetzt werden, die er anregt. "Hier unten in der Lausitz ticken die Leute ganz anders", sagt der IHK-Geschäftsführer. "Sie schaffen sehr viel aus eigener Kraft heraus. Nur leider sind sie sich ihrer Stärken nicht genügend bewusst." Zwei große und ein Jugendtheater, der Branitzer Park, zwei Hochschulen, all das seien Pfunde, mit denen die Region viel stärker als bisher wuchern müsse. "Durch den Bevölkerungsrückgang ist klar, dass in Brandenburg nur zwei kreisfreie Städte Bestand haben werden: Potsdam und Cottbus. Darauf muss man seinen Blick lenken", so Krügers Vorschlag. Seine eigene, ganz private Zukunft hat er allerdings nicht an die Lausitz geknüpft: Die Wochenenden verbringt er bei der Familie in der Oberhavel. "Die Kinder gehen dort zur Schule, und es wäre Quatsch, sie für die Jahre bis zu meinem Ruhestand umzuschulen."