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| 08:44 Uhr

Ein Lieberoser beim Bundespräsidenten

In Berlin begrüßt Bundespräsident Johannes Rau heute 72 verdiente Bundesbürger zum Neujahrsempfang. Zu den Geehrten gehört in diesem Jahr Andreas Weigelt. Der Historiker aus Lieberose erforscht seit zehn Jahren die Geschichte des ehemaligen KZ-Außenlagers und späteren russischen Internierungslagers in Jamlitz bei Lieberose (Landkreis Dahme-Spreewald). Im Sommer vorigen Jahres wurde ein Dokumentationszentrum eröffnet, in das die Arbeit Weigelts maßgeblich einfloss. Von Simone Wendler


Eigentlich suchte Andreas Weigelt Anfang der 90er-Jahre nur einen Job. Ohne Abschluss hatte er ein Geschichtsstudium in Berlin beendet, als er sich in seinem Heimatort Lieberose um eine ABM-Stelle beim Wegebau bewarb. "Ich wollte erst mal nur irgendwie Geld verdienen", erinnert er sich. Daraus wurde eine bis heute andauernde Forschungsarbeit, die Weigelt über die Region hinaus bekannt gemacht hat, ihn dazu brachte, seinen Studienabschluss nachzuholen und ihn heute zum Neujahrsempfang beim Bundespräsidenten reisen lässt.
Denn in Lieberose hatte man eine bessere Verwendung für Andreas Weigelt als den Wegebau, nachdem man erfuhr, dass er Geschichte studiert hatte. Für zunächst zwei Jahre bekam er eine ABM-Stelle, um eine Ausstellung an einem Mahnmal in Lieberose zu überarbeiten. Das sollte daran erinnern, dass im Nachbarort Jamlitz ein Außenlager des KZ Sachsenhausen existiert hatte. Ein sehr einseitiges und teilweise verzerrtes Erinnern, wie Andreas Weigelt bald feststellte.
Ermittlungen eingeleitet
Am Gedenkstein prangte ein rotes Dreieck, Zeichen der politischen Häftlinge, obwohl in Jamlitz fast ausschließlich jüdische Gefangene litten und starben. Die Weiternutzung des Geländes nach Kriegsende als russisches Internierungslager wurde bis 1989 völlig verschwiegen.
Andreas Weigelt biss sich an der Erforschung dieser wechselvollen Geschichte in unmittelbarer Nähe seines Heimatortes fest. "Irgendwie konnte ich nicht mehr aufhören", bekennt der 40-Jährige. Seine Erkenntnisse, die er aus Archiven, Gerichtsakten und Gesprächen mit Zeitzeugen zusammentrug, führten mit dazu, dass 1998 staatsanwaltschaftliche Ermittlungen eingeleitet wurden, um ehemalige Lageraufseher vor Gericht zu stellen, was jedoch nicht mehr gelang.
Bald bekam Weigelt Unterstützung von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Lieberoser Kirche. Im Juni vorigen Jahres wurden in Trägerschaft der Kirchengemeinde zu beiden Seiten der ehemaligen Lagerstraße in Jamlitz schmale Platten aufgestellt, auf denen an Hand von Einzelschicksalen und mit historischen Fakten beide Phasen der Lagergeschichte gezeigt werden. Eine Dokumentation dieser Ausstellung wird Weigelt heute Johannes Rau in Berlin übergeben.
Hilfe von Opferverein
Bei seiner Forschung zum Internierungslager des russischen NKWD konnte Weigelt auf die Arbeit eines 1992 gegründeten Opfervereins und eine erste, ebenfalls über ABM finanzierte Dokumentation zurückgreifen.
Unterlagen aus russischen Archiven, die über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes inzwischen zugänglich wurden, brachten ihn weiter voran.
Die von Weigelt zusammengetragenen Dokumente über KZ-Außenlager und Internierungslager in Jamlitz füllen inzwischen etwa 30 laufende Meter Aktenordner. Dieses Material muss erfasst und für Recherchen aufbereitet werden. Zwei ABM-Stellen wurden dafür bewilligt. Sein mit einem Kachelofen beheiztes Büro befindet sich in einem kleinen Anbau an der Lieberoser Kirche auf dem Marktplatz. Den Raum hat ihm die Gemeinde zur Verfügung gestellt. Andreas Weigelt selbst ist nach seiner ABM-Stelle und später einer befristeten Bezahlung aus Landesmitteln zurzeit wieder arbeitslos. Trotzdem will er seine Arbeit fortsetzen. Gerade hat er ein Stipendium beantragt, um über das KZ-Außenlager ein Buch zu schreiben. Vorarbeiten für einen Katalog zur Freiluftdokumentation sind abgeschlossen.
Außerdem sei ein zweites Massengrab von KZ-Häftlingen in Jamlitz oder dessen Nähe noch nicht gefunden. Dass es dieses Grab gibt, ist der Historiker sich sicher. Immerhin sei bisher nur die Hälfte der sterblichen Überreste der Jamlitzer KZ-Häftlinge entdeckt worden. Im Mai 1971 waren in einer Kiesgrube in Staakow zwischen Guben und Lieberose die sterblichen Überreste von 577 Insassen des KZ-Außenlagers Jamlitz ausgegraben worden. Die Häftlinge waren bei der Auflösung des Lagers
erschossen worden.
Natürlich bedeute ihm der heutige Empfang beim Bundespräsidenten viel, sagt Andreas Weigelt, doch er sieht die Einladung als Anerkennung für die Arbeit aller Beteiligter die mitgewirkt hätten, die Jamlitzer Lagergeschichte aufzuklären und die Erinnerung daran wach zu halten. "Allein hätte ich das nie leisten können, ohne die Kirche, ohne die Spenden, ohne die Förderung von Land und Bund, ohne die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten", zählt er auf.
Weiterleben ohne Hass
Ihn selbst habe die Begegnung mit den Zeitzeugen aus beiden Phasen der Lagergeschichte verändert. In beiden Gruppen habe er Menschen gefunden, mit denen ihn heute feste Freundschaften verbinden. Die zahllosen Gespräche mit den Opfern hätten seinen Blick geweitet und auch bei ihm Vorurteile beseitigt, so der Historiker. Am meisten habe ihn beeindruckt, wie Überlebende der Lager danach ohne Hass weiterleben konnten und oft noch anderen Menschen geholfen hätten.
Seine eigene Arbeit in Jamlitz sieht Andreas Weigelt als einen Beitrag zur Versöhnung. Bei der Einweihung der neuen Dokumentationstafeln im Sommer nahmen Überlebende des KZ-Außenlagers und Überlebende des NKWD-Lagers Jamlitz gemeinsam an der Gedenkveranstaltung teil. Um das alte, von der DDR-Sicht geprägte Mahnmal in Lieberose und die dort gezeigte, überarbeitete Ausstellung kümmert sich inzwischen ein Verein.
"Ich will in Lieberose bleiben, es gibt hier noch Aufgaben", sagt Weigelt. Doch inzwischen hat er auch neue Projekte im Blick. In Berlin möchte er eine Ausstellung zum Antisemitismus in den frühen Jahren der DDR zeigen. In Luckau steht er seit eineinhalb Jahren in Kontakt mit Bürgermeister Harry Müller, um die über hundertjährige Geschichte des Luckauer Gefängnisses, das in Kürze geschlossen wird, zu dokumentieren.
Bisher, so Weigelt, fehle jedoch dafür das nötige Geld. Seinen Plan gibt der Historiker deshalb nicht auf. In Jamlitz hat er gelernt, Geduld zu haben und sich von einer Finanzierung zur nächsten zu hangeln.