Als kleiner Junge war Andreas Deutscher. Seine Nachbarn in der kasachischen Stadt Karaganda nahmen ihn ganz selbstverständlich so wahr, er sprach deutsch und pflegte mit seiner Familie die deutsche Kultur. Als er 16 wurde, war Andreas plötzlich Russe - obwohl er doch nach Deutschland kam und einen deutschen Pass erhielt. Heute, 15 Jahre später, weiß Andreas - wie ihn die Deutschen nennen - oder Andrej - wie ihn die Russen nennen - selbst nicht so genau, was er eigentlich ist, und es ist ihm, so sagt er, egal. Wie Andreas Töws geht es vielen der 2,3 Millionen Aussiedler mit deutschen Wurzeln, die in den vergangenen Jahrzehnten aus Russland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion zurückkehrten. Ohne klare Identität sind sie manchmal Deutsche, manchmal Russen, manchmal Russlanddeutsche.
D eutsche haben seit Jahrhunderten enge Beziehungen zu Russland. Einige kamen als Kolonisatoren, andere als Flüchtlinge, wieder andere als begehrte Experten für Schiffbau, Landwirtschaft oder Handwerk. Doch im Gegensatz zu deutschen Aussiedlern und Auswanderern in anderen Ländern assimilierten sie sich in Russland und der Sowjetunion kaum und pflegten über Jahrhunderte deutsche Bräuche, Eigenarten und sogar die Sprache. Mit dem Ersten Weltkrieg kam es zu gewalttätigen Übergriffen gegen sie, doch der jähe Absturz folgte im Sommer 1941 nach dem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion: Alles Deutsche galt fortan als faschistisch, mehr als 1,2 Millionen Russlanddeutsche wurden pauschal als Kollaborateure unter Verdacht gestellt und nach Sibirien oder Kasachstan deportiert. Zwei Drittel von ihnen überlebten die Verfolgung nicht.
"Erst 1956 wurde es etwas besser. Stalin war tot, und die großen Bauprojekte waren fertig - man brauchte das Heer der Arbeitssklaven nicht mehr", sagt der Historiker Alfred Eisfeld vom Nord-Ost-Institut in Lüneburg. Doch die Deutschen galten weiter als "Feindesvolk". Eisfeld, selbst 1951 im Ural geboren, sah noch als Junge Poster mit der Aufschrift "Töte einen Deutschen". Die Einschränkungen blieben massiv: "Wenn man nicht als ,besonders zuverlässig‘ galt, waren viele Berufe versperrt. Gerade technische Fächer an Hochschulen waren undenkbar, wenn man nur Russlanddeutscher war." Die gezielte Benachteiligung habe erreicht, dass die Russlanddeutschen von einer der gebildetsten zu einer der ungebildetsten Volksgruppen wurden.
A ndreas Töws hat schon als Kind gemerkt, dass er anders war als seine Schulkameraden. "In Kasachstan war ich immer ,der Deutsche‘. Das hat nicht immer Vorteile gebracht", sagt er diplomatisch. Deutsch wurde bei ihnen zu Hause aber ganz selbstverständlich gesprochen, und natürlich sei er auf den Namen Andreas und nicht Andrej getauft. "Alles andere hätten wir meinem Großvater nicht antun können." Der habe trotz aller Widrigkeiten, trotz aller Repressionen die deutsche Kultur hochgehalten und sich zu seinen Wurzeln bekannt. "Umso komischer war es, als wir nach Deutschland kamen. Da waren wir plötzlich ,die Russen‘."
Töws lebt heute in Kassel, wie 20 000 andere Russlanddeutsche auch. Sie stellen jeden zehnten Einwohner der nordhessischen Stadt. Hinzu kommen russische Juden und andere Zuwanderer. Die gemeinsame Sprache ist häufig nicht Deutsch, sondern eben Russisch. So ist in Kassel eine regelrechte russische Subkultur ent standen. Der 31-Jährige erklärt es mit dem nahen Aufnahmelager Friedland. "Und wenn erst einmal einer da ist, zieht die Familie nach und auch Freunde und so weiter."
I n einigen Teilen Kassels muss man kein Deutsch können, um das tägliche Leben zu bewältigen. "Apteka" steht über der Apotheke, der Bäcker bietet Piroggen feil, und im nahen Supermarkt gibt es alles, was sich eigentlich nur in Russland gut verkauft. Natürlich sind auch die "Rheinskaja Gaseta" und die Wochenzeitschrift "Russkaja Germanija" der Russlanddeutschen dabei. Im Reisebüro hängen zwei Karten, "Rossija" und "Kasachstan" steht in kyrillischen Buchstaben darüber. Daneben bietet ein Juwelier Schmuck aus Moskau und Sankt Petersburg an. Wer mit Alkohol am Steuer erwischt wurde, findet Beratung für den "Idiotentest" - natürlich auch auf Russisch.
"Eigentlich haben wir alles, was wir brauchen", sagt Waleri Belsch mit schwerem Akzent. Der 39-Jährige hat einen DVD-Verleih mit ausschließlich russischen Titeln. Alles vom Kinderfilm über die Liebeskomödie bis zu martialischen Streifen mit heldenhaften russischen oder auch sowjetischen Soldaten ist dabei. "Westliche Filme sind zu teuer. Es gibt auch keinen richtigen Markt hier", sagt er. Seit 13 Jahren lebt Belsch in Deutschland. "Weiß nicht, ob es sich gelohnt hat. Sicher, mir geht es nicht schlecht. Und früher, in Omsk, hätte ich einige Fächer nicht studieren dürfen. Aber Omsk ist eine Millionenstadt, ich hatte ein Geschäft mit 100 Angestellten." Doch die Familie wollte gehen. "Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre."
D ie alteingesessenen Deutschen schätzt er zwar, aber richtig einlassen würden sie sich auf die Neuankömmlinge aus dem Osten nicht: "Ihr geht zum Italiener, zum Spanier, zum Türken, ja sogar zum Chinesen oder Koreaner. Aber wann sieht man mal einen Deutschen in einem russischen Restaurant?" Er fühle sich, das sagt er klar, als Russe. "Warum sollte ich mich als Deutschen sehen? Es würde mich ja auch kein Deutscher als Deutschen sehen." Es soll gleichgültig klingen, tut es aber nicht. "Mit dem Akzent werde ich doch immer der Russe sein."
Eine Haltung, die auch Christoph Bergner kritisiert. "Natürlich hat sich die Sprache im Laufe der Jahrzehnte abgeschliffen. Sie durfte ja bis in die 70er-Jahre hinein nicht gesprochen werden", sagt der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung. "Aber die Russlanddeutschen sind nicht nur eine Sprach-, sie sind vor allem Schicksalsgemeinschaft." Das werde in Deutschland kaum anerkannt. "Wenn ich diesen Unsinn schon höre, vom deutschen Schäferhund als einzigem Abstammungsmerkmal und so weiter, wird mir übel. Das sind Menschen, die Jahrzehnte unter ihren deutschen Wurzeln gelitten haben. Wer hat das Recht, über die Menschen zu urteilen, die trotz aller Repressionen, ja Verfolgung ihre Herkunft immer verteidigt haben?"
Mehr als zwei Millionen Russlanddeutsche kamen seit 1990 in die Bundesrepublik. Ganze Dörfer siedelten sich zuweilen an einem Ort wieder an, sodass in einigen Gemeinden plötzlich jeder dritte "ein Russe" war. Als die Westalliierten ihre Kasernen räumten, füllten Russlanddeutsche die Lücke. Entsprechend hoch ist ihre Konzentration im Emsland, in Nordwestfalen oder in einzelnen Orten wie Cloppenburg oder Lahr im Schwarzwald. Erst das "Bewohnerzuweisungsgesetz" steuerte den Zuzug etwas. Natürlich nur, solange die Russlanddeutschen irgendwie am öffentlichen Tropf hingen. Wer arbeitet, genießt Freizügigkeit wie jeder andere Deutsche auch.
Das gilt auch für die beiden Söhne von Lidia Gak. "Sie haben nur Kontakt zu Deutschen und sind hier völlig angekommen." Bürokaufmann lerne der Große, Tischler "der Kleine", der seine Mutter weit überragt. Der Vater hingegen ist arbeitslos. "Alles würde er machen. Aber wer braucht in Deutschland einen Schmied?" Und so hält die 48-Jährige das Paar mit Putzen über Wasser. Jeden Abend fährt sie mit einem Wägelchen durch die Kasseler Industrie- und Handelskammer, leert Papierkörbe, putzt Schreibtischplatten, wischt Toiletten. Seit sechs Jahren schon. "Gäbe es die Sow jetunion noch, wäre ich nie gekommen. Wir hatten ja alles", sagt sie. Doch mit dem Imperium brach auch die öffentliche Ordnung zusammen, die kommunale sowieso: "Kein Wasser, kein Strom und im Winter immer minus 30 Grad - es ging nicht mehr." An ihren deutschen Wurzeln will sie nicht rütteln: "Ich bin deutsch geboren, und ich werde immer Deutsche sein." Dann lächelt sie. "Wenn wir bei meiner Mutter russisch gesprochen hätten, wären wir sofort rausgeflogen."
D ie Erfahrungen der Russlanddeutschen lassen sich kaum über einen Kamm scheren. Auch Probleme bleiben nicht aus. "Wir reden hier von einer Bevölkerungsgruppe, die so groß ist wie der gesamte Freistaat Thüringen", sagt der CDU-Politiker Bergner. "Bei mehr als 2,3 Millionen Menschen müssen wir aufpassen, dass sich keine Gettos bilden." In der Vergangenheit habe die Politik Fehler gemacht, etwa durch die erschwerte Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Oder durch überforderte Kommunen, die die Russlanddeutschen mit anderen Zuwanderern in einen Topf geworfen hätten.
Den Begriff "Getto" mag der Kasseler Aussiedlerbeauftragte Manfred Kimm zwar nicht in den Mund nehmen, "aber man lebt schon in seinen Kreisen. Es gibt ein gut funktionierendes und auch abgeschottetes Vereinsleben der Russlanddeutschen." Völlig geschlossene Zirkel seien das zwar nicht, andere Deutsche würden nicht abgewiesen. "Aber welcher hier geborene Deutsche interessiert sich schon für seine Landsleute aus Zentral asien?" Entsprechend gebe es den russischen Obsthändler, den russischen Bäcker und auch den russischen Arzt. "Das ist jedes Mal ein Stich ins Herz für mich, denn Integration funktioniert nur über die Sprache."
Und genau da sieht Kimm das Pro blem: "Natürlich ist es für den 70-Jährigen schwierig, noch einmal von vorn anzufangen. Aber es sind auch viele junge Leute, die sich der deutschen Sprache verweigern." Dass sich die zweite Generation ganz normal einlebe, stimme oft nicht. "Dann klappt es in der Schule nicht, es wird mit dem Job nichts, und für nicht wenige endet alles in der Kriminalität." Dadurch entstehe in der Bevölkerung oft ein falsches Bild, sagt Kimms Kollege Bergner. Schließlich würden Russlanddeutsche eher weniger straffällig, nur nehme die ruhigen, fleißigen niemand wahr. "Aber es ist richtig, dass es gerade mit jungen Männern Probleme gibt, die entwurzelt, aber noch nicht richtig angekommen sind." Aus Zentralasien in die nette deutsche Provinz: "Diese Brüche haben bei den Jungs Spuren hinterlassen."
N atürlich gebe es schwarze Schafe, sagt Swetlana Paschenko von der Lands mannschaft der Deutschen aus Russland. "Aber es sind dennoch Einzelfälle." Auseinandersetzungen mit türkischen Jugendlichen seien einer der Reibungspunkte. „Die sagen: ,Wir waren zuerst da, geht zurück nach Russland‘. Unsere sagen: ,Wir sind Deutsche, wir haben ja sogar die Staatsbürgerschaft, Ihr nicht.‘“ Als nächstes sprächen die Fäuste oder sogar die Messer. "Aber das sind ein paar von mehr als zwei Millionen. Die meisten Russlanddeutschen sind völlig inte griert."
Seine fünf und sieben Jahre alten Söhne würden sich nicht von ihren Schulkameraden unterscheiden, sagte Andreas Töws. "Aber ich mache ihnen schon klar, wo sie herkommen. Das sollen sie nicht vergessen." Ihr Deutsch sei akzentfrei, Russisch sprächen sie ebenso. "Aber sie sprechen ja auch Englisch und sind deshalb nicht weniger deutsch." Ihr Vater schwebt wie so viele Russlanddeutsche immer noch zwischen beiden Welten: "Neben dem deutschen Pass habe ich noch den russischen", sagt er. "Es macht doch vieles einfacher."