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Ein Leben mit Wölfen

Hier wird auch gekrault: die Betreiber des Niedersächsischen Wolfcenters, Frank und Christina Faß, im Nachwuchsgehege.
Hier wird auch gekrault: die Betreiber des Niedersächsischen Wolfcenters, Frank und Christina Faß, im Nachwuchsgehege. FOTO: dpa
Dörverden. Der Wolfsmanager-Job ist in Brandenburg begehrt. Ein Paar aus Niedersachsen ist seit vielen Jahren Vermittler zwischen Tier und Mensch. Helen Hoffmann

Der Wolf bleibt stehen und dreht den Kopf. Beobachtet er das herannahende Wohnmobil? Christina und Frank Faß sind gebannt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sehen sie einen frei lebenden Wolf. Langsam fahren sie weiter, dann überquert das Raubtier die Straße und trabt davon. Leichtfüßig erklimmt es den Hügel. Tief beeindruckt fährt das Paar weiter. Noch ahnen sie nicht, dass der Wolf ihr Leben verändern wird.

"Das war faszinierend", sagt der heute 42-Jährige, wenn er von der ersten Begegnung mit dem Raubtier erzählt. Rund zwölf Jahre ist es her, dass er mit seiner Frau durch die Rocky Mountains in Kanada fuhr. Vier Wochen waren sie mit einem Wohnmobil unterwegs, um die Natur zu erleben und eine Auszeit von ihren Jobs zu nehmen.

Der erste Wolf begegnete ihnen nach wenigen Tagen, acht weitere im Laufe der Reise. "Die Wölfe haben uns begleitet. Es war, als ob es ein Zeichen sein sollte", erzählt die gelernte Industriekauffrau, die damals bei einem Bremer Unternehmen eine leitende Position hatte. Ihr Mann arbeitete als Ingenieur in der Raumfahrtbranche - ebenfalls mit Führungsverantwortung. "Mein Beruf war spannend, aber auch sehr anspruchsvoll und anstrengend", sagt Frank Faß. "Schaffe ich das bis 65?", habe er sich oft gefragt.

Als die beiden bei ihrer Reise durch Kanada zufällig auf ein Wolfscenter stießen, waren sie begeistert. "Das Konzept war inspirierend", erzählt der große Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren. Zurück in Deutschland fing Faß an, sich über Wölfe zu informieren. Er erfuhr, dass es in Deutschland wieder frei lebende Wölfe gibt, nachdem sie dort in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet waren. Die ersten wilden Welpen nach der Einwanderung waren im Jahr 2000 in Sachsen zur Welt gekommen. Das Raubtier hatte begonnen, sich auszubreiten. "Mir war klar: Das wird ein Riesen-Thema werden", sagt Faß.

In den kommenden Monaten reifte die Idee eines eigenen Wolfcenters bei Frank Faß heran. Gleichzeitig stieg in Deutschland die Zahl der Wölfe. Seine Frau war zunächst skeptisch. Wollte sie ihren sicheren Job gegen eine unsichere Selbstständigkeit eintauschen? "Bei mir hat es etwa zwei Jahre gedauert, bis ich überzeugt war", erzählt die schlanke Frau, die nun olivgrüne Arbeitskleidung statt Blazer trägt.

Anders als ihr Mann, der mit Jagdhunden aufgewachsen ist, hatte Christina Faß lange Angst vor Hunden. Als Kind war sie in die Lippe gebissen worden. Die Zurückhaltung verflog 2007, als sich das Paar den ersten Haushund zulegte. Faß hatte inzwischen eine neue Stelle, die ihm mehr Freizeit ließ. Intensiv beschäftigte er sich mit dem Wolf und den Vorbereitungen für den Aufbau eines Wolfcenters. 2009 kaufte das Paar das ehemalige Kasernengelände in Dörverden und eröffnete 2010 das erste deutsche Wolfcenter.

Auf rund fünf Hektar Fläche können Besucher dort Wölfe in Gehegen beobachten und sich in Ausstellungen und Gesprächen über das Verhalten und den Lebensraum des Raubtieres informieren. Seit immer mehr Wölfe durch deutsche Wälder streifen und auch vor Schafen und anderen Nutztieren nicht haltmachen, wächst das Interesse. Befürworter und Gegner des Raubtieres streiten heftig - das Ehepaar Faß steht mit dem Center mittendrin. "Ein konfliktfreies Miteinander wird es nicht geben", sagt Frank Faß über Mensch und Wolf. "Das Ziel ist ein möglichst konfliktarmes Miteinander."

Der Wolf hat ihr Leben verändert und ihnen eine neue berufliche Perspektive eröffnet, das Unternehmen ist rentabel. Anstrengend und kräftezehrend ist der neue Job aber auch. Vor allem Frank Faß steht in der Öffentlichkeit und erhält für seine Aussagen nicht nur Anerkennung. Sobald er erwähnt, dass es unter bestimmten Bedingungen nötig sein kann, einen frei lebenden Wolf zu töten, hagelt es Kritik. Im Internet rufen Menschen zum Boykott des Wolfcenters auf oder schreiben hasserfüllte Nachrichten. Faß bietet seinen Kritikern in der Regel ein Gespräch an. "Ich gebe ihnen meine Handynummer, aber sie rufen mich nicht an."

Andere dagegen suchen den Kontakt, etwa wenn es um problematische Wölfe geht. So arbeitet Faß mit dem Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz zusammen, wie eine Sprecherin der Behörde mitteilt. "Frank Faß gehört zu den ersten Wolfsberatern in Niedersachsen", schreibt sie und verweist darauf, dass Faß seit 2014 Vorsitzender des Arbeitskreises Wolf ist, der das Umweltministerium in allen Fragen zum Wolf berät.

Wer in einer Suchmaschine nach "Frank Faß" sucht, findet schnell den Zusatz "Wolfsexperte" - eine Beschreibung, die nicht jeder richtig findet. Schäfermeister Tino Barth aus dem Landkreis Diepholz hält sie zum Beispiel für übertrieben. Um Experte zu werden, brauche es eine deutlich längere Erfahrung mit dem Raubtier, sagt er.

Für Faß findet Barth dennoch anerkennende Worte, denn dieser nehme die Probleme der Nutztierhalter ernst. "Der Wolf hat uns fast den gesamten Jahrgang kaputt gemacht", berichtet er mit Verweis auf rund 20 Tiere, die er durch einen Wolf verloren hat.

"Es ist unsere Existenz, die bedroht ist. Das hat Frank Faß begriffen, im Gegensatz zu vielen anderen." Positiv wertet Barth, dass Faß ihn besucht hat. "Er versucht zu vermitteln", berichtet er und erzählt, wie er mit Faß Hunde aussuchte, die seine Herde schützen sollen. Der Wolf hat auch bei Schäfermeister Barth einen tiefen Eindruck hinterlassen - aber einen anderen als bei Christina und Frank Faß.

Für ihn ist das Raubtier nicht die Grundlage einer neuen beruflichen Zukunft, sondern eine Bedrohung. "Ich war der Meinung, dass jedes Tier seine Daseinsberechtigung hat, aber jetzt muss ich an meine Existenz und meine Familie denken", sagt der Schäfermeister.

Zum Thema:
100 Bewerber wollen laut Agrarministerium neuer Brandenburger Wolfsbeauftragter werden. Anfang März soll es dazu erste Gespräche geben.Als Mittler zwischen Mensch und Tier hat das 2003 gegründete Lupus Institut für Wolfsmonitoring und -forschung viele Erfahrungen und Wissen gesammelt. Die Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt verfolgen die Entwicklung der Tiere in Sachsen und Südostbrandenburg.Bundesweit gibt es 46 bekannte Wolfsrudel, 22 davon leben in Brandenburg. Nach Angaben des Kontaktbüros "Wölfe in Sachsen" leben im Freistaat derzeit 15 Wolfsrudel, drei Paare und ein Einzeltier. Mehr Informationen unter www.lr-online.de/lausitzer-woelfe