Es war ein schöner Herbsttag im Oktober 2004 und das Parkett im Obergeschoss der damaligen Wohnung von Stephan und Janine Geißler in Maasdorf bei Bad Liebenwerda (Elbe-Elster) fast fertig verlegt. Nur ein oder zwei Randleisten fehlten noch, als sich Stephan mit einer Kappungs- und Gehrungssäge die linke Hand komplett abtrennte.

An das Unglück selbst kann sich der inzwischen 29-Jährige nicht mehr erinnern. Nur dass er geistesgegenwärtig mithilfe seiner Frau Hand und Armstumpf in eine Tüte steckte und ihn kurz darauf ein Rettungshubschrauber nach Berlin-Marzahn flog. Im dortigen Unfallkrankenhaus fügten Spezialisten Arm und Hand wieder zusammen.

Janine Geißler, die ihren Mann in einer großen Blutlache liegen sah, hatte große Angst, dass er sterben könnte. „Ich wollte ihn nur wieder haben, mit oder ohne Hand, das war mir völlig egal“, sagt die 26-jährige Kauffrau.

Heute, fünfeinhalb Jahre später, kann Stephan Geißler mit der replantierten Hand kaum etwas anfangen. „Das ist nur für die Optik, zugreifen kann ich damit nicht“, sagt er und blickt bedrückt auf seine linke Hand, die kraftlos auf seinem Oberschenkel liegt und sich „wie eingeschlafen“ anfühle.

Geißler ist ein stiller Mensch, dem es schwerfällt, um Hilfe zu bitten, und der kein Mitleid will. Seine Energie und den Willen, sein Leben zu gestalten, konnte ihm der dramatische Sägen-Unfall nicht nehmen. Dabei hatte Geißler vorher schon einen schweren Unfall nur knapp überlebt.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2001 war er auf winterglatter Straße in einer Kurve von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Die Folgen waren verheerend: Mehrfache Brüche an Kopf und linkem Bein, Nervenquetschungen der Schulter, innere Verletzungen. Wochenlang lag er in der Leipziger Uniklinik im künstlischen Koma. Ein halbes Jahr dauerte es, bis er wieder einigermaßen laufen konnte.

In seinen erlernten Beruf als Maurer konnte er nicht zurück. In einem Holzhandel im sächsischen Torgau begann er eine kaufmännische Ausbildung. Ein halbes Jahr vor dem Abschluss sägte er sich dann die Hand ab. Wieder wochenlanger Klinikaufenthalt, Rehabilitation, Nachoperationen an der Hand. Mit seiner Ausbildung musste Stephan Geißler noch mal von vorn anfangen.

Nur ein Dreivierteljahr nach dem Sägeunglück kaufte er mit seiner Frau ein kleines altes Haus im Bad Liebenwerdaer Ortsteil Theisa. Ohne Firmen, nur mithilfe von Verwandten, baut Stephan Geißler es aus. Mit nur einer funktionsfähigen Hand. Weihnachten war das Obergeschoss endlich so weit hergerichtet, dass er mit seiner Frau einziehen konnte. Bis alles fertig ist, werden noch Jahre vergehen.

Im Untergeschoss des Hauses, das noch im Rohbauzustand ist, steht auch die Motorsäge, mit der sich Stephan Geißler die Hand abtrennte. Seine Frau wollte, dass er sie wegwirft, aber die Säge könne doch nichts dafür. Geißler arbeitet wieder damit.

Der zum Kaufmann umgeschulte Maurer fuhr früher gern Motorrad und liebte riskante Vergnügen wie Bungeespringen. Heute ist er froh, dass er noch Auto fahren kann. Auch im Hochsommer trägt der Kaufmann außerhalb des eigenen Grundstücks nur lange Hemden und Hosen. Fremde sollen die großflächigen Narben der Operationen und Hautverpflanzung nicht sehen. Stephan Geißler war immer ein begeisterter Handwerker und Bastler. So viel wie möglich will er davon noch immer alleine erledigen. „Das geht schon, aber es ist umständlich.“ Eine Schraubzwinge ersetzt die Hand als Halterung. Wofür Geißler früher einen Handgriff brauchte, benötigt er heute zwei oder drei. Alles dauert.

Am Anfang habe er manchmal daran gedacht, alles hinzuwerfen. „Da wurde mir Hoffnung gemacht, dass sich der Zustand der Hand noch bessern könnte.“ Doch statt Besserung kam Enttäuschung. „Man überhört in solchen Ankündigungen ja gern das Wort vielleicht“, sagt er.

Janine Geißler ist lebhafter und gesprächiger als ihr Mann. Wenn sie ihm damit Mut machen will, dass sie auf möglichen ärztlichen Fortschritt verweist, winkt er eher ab: „Ich wette einen Zehner dagegen.“

Warum gerade ihm zwei so schwere Unfälle passiert sind, darüber denkt er nicht nach: „Das ist passiert, ich kann es nicht ändern.“ Ängstlicher sei er nicht geworden. Nur dass er sich ein Bein brechen könnte, sei seine Sorge. Mit nur einer funktionsfähigen Hand könne er weder mit Krücken laufen noch einen Rollstuhl bewegen.

Im vorigen Sommer hat Stephan Geißler seine Frau Janine geheiratet. Seit Jahren waren die beiden ein Paar. Jetzt möchte er gern Vater werden. Janine sagt, dass ihr Mann nachdenklicher geworden sei nach den Unfällen und dass sie die schwere Zeit enger zusammengebracht habe. Sie muss im Alltag vorsichtig sein, um seine replantierte Hand nicht unbedacht zu berühren: „Manchmal tut ihm das weh.“

Wenn Stephan Geißler einen Wunsch freihätte, dann möchte er seine Unfallhand wieder benutzen können. Ganz ungeschehen machen möchte er die beiden Unglücke in seinem Leben dagegen nicht. „Dann wäre es heute nicht so, wie es ist“, sagt er und ergreift die Hand seiner Frau. Die streichelt ihn wortlos.