Es gibt eine Situation in der politischen Karriere des Dietmar Woidke, die bis heute nachwirkt und entscheidend dafür gewesen sein dürfte, dass künftig ein Forster an Brandenburgs Spitze steht. Als sich Matthias Platzeck im Herbst 2009 im parteitaktischen Koalitionsgeplänkel von Rot-Schwarz verabschiedete und Rot-Rot den Zuschlag gab, galt Woidke als Bauernopfer. Für den Umweltminister war kein Platz mehr im neuen Kabinett. Doch es war noch nie die Art des Diplom-Agraringenieurs, eingeschnappt zu protestieren. Das Wort "Entmachtung" kommt ihm nicht über die Lippen. Pragmatische Politik zu machen, dafür ist er 1994 für den Landtag angetreten. Dieser bodenständige Stil hat ihn seither begleitet.

Die SPD hat ihm die Besonnenheit im hektischen Koalitionsgerangel hin zu Rot-Rot nicht vergessen. Aus dem Umweltminister - "In dem Amt habe ich mich natürlich Zuhause gefühlt" - wurde der Fraktionschef im Landtag. Woidke gesteht wenig später, dass er es nicht für möglich gehalten hatte, "von den Abgeordneten so schnell akzeptiert und anerkannt zu werden". Offenbar ist es aber genau die Art des Hin- und Zuhörens und auch der Blickwinkel des gebürtigen Brandenburgers, was die Persönlichkeit Woidke trotz des übermächtigen "Landesvaters" heranwachsen ließ.

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RUNDSCHAU-Dossier zu Dietmar Woidke/span Dietmar Woidke war bereits Innenminister - der Regierungschef hatte ihn nach der Unterhalts-Affäre des Amtsinhabers Rainer Speer 2010 ins Kabinett zurückgeholt -, da beriet das Kabinett in Cottbus unter anderem zu den Hochschulen in der Lausitz. Vor dem Cottbuser Dieselkraftwerk ließen aufgebrachte Gegner der Hochschulfusion weder Platzeck noch Ministerin Martina Münch zu Wort kommen. Sie schrien sie nieder. Doch Woidke, der von der Chance für die Lausitz sprach, hörten sie zu. Ebenso wie die von seiner Polizeireform betroffenen Beamten, mit denen er gleichsam über die Zukunftsfähigkeit des Landes debattierte, oder wie Vertreter der Wirtschaft und von Verbänden.

Woidke musste dabei viel Kritik einstecken. Er musste sich verteidigen. Aber er hat auch Zugeständnisse gemacht, als er ankündigte, die festgelegte Reduzierung von 1900 Polizistenstellen bis 2020 (auf dann 7000) durch seinen Vorgänger vor dem Hintergrund steigender Grenzkriminalität auf den Prüfstand zu stellen. Das zeugt von Kompetenz und Führungsstärke zugleich, die er auch im Umgang mit stasi-belasteten Beamten an den Tag legte: Einzelfallprüfung statt pauschaler Verurteilung. Zudem hat der Innenminister die Verfassungsschutzbehörde auf ein Niveau umgestaltet, welches deutschlandweit Anerkennung findet.

Wenn es bisher auch immer hieß, nach Platzeck klafft ein großes Loch, so verweist die jüngste SPD-Rochade eher auf Handlungsfähigkeit und eröffnet nun Alternativen. Immerhin schlägt sie vom Regierungschef über den Innenminister und Fraktionschef bis zum Generalsekretär der Partei durch. Der scheidende Generalsekretär Klaus Ness sieht in dem Forster Kronprinzen sogar einen "Glücksfall für die Brandenburger SPD". Offenbar konnte sich da im Schatten des Partei- und Regierungschefs ganz in Ruhe jener Nachfolger etablieren, der den Sozialdemokraten im Land Hoffnung macht.

Der erste große Gradmesser steht dabei schon in einem Jahr bevor. Der in Forst lebende Familienvater Dietmar Woidke muss mit den politischen Baustellen - vom Flughafen BER über die Polizeireform und die Braunkohleverstromung bis zur Bildungspolitik - in den Landtagswahlkampf ziehen.

Sein größter Widersacher übrigens ist ebenfalls Lausitzer: der auch erst seit einem Dreivierteljahr im Amt befindliche CDU-Landeschef Michael Schierack. Ein Fingerzeig auf künftige Koalitionen nicht nur in der Lausitz?