"Es ist das Schlimmste und das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist", sagt Andrew Wisemann. Damit meint er den Marsch, den er im Januar/Februar 1945 als junger Offizier von Sagan (heute Zagan) über Muskau nach Spremberg absolvieren musste.

Wiseman war wie 15 000 andere Armeeangehörige der US-amerikanischen, britischen, kanadischen und neuseeländischen Luftwaffeneinheiten Gefangener im Stammlager (Stalag) Luft 3 in Sagan. Anfang 1945 wurde angeordnet, dass die Gefangenen das Lager räumen müssen. "Kurz vorher waren 50 Offiziere erschossen worden", erinnert sich Wiseman. Die Angst saß also allen im Nacken. "Auch die deutschen Wachoffiziere wussten nicht, wo es hingeht. Klar war nur, wir marschieren gen Westen", erzählt Wiseman weiter.

Los ging es bei minus 25 Grad Celsius. Geschlafen wurde auch im Wald. "Wir wussten aber, dass wir den Krieg gewonnen hatten", so Wiseman. Als der Marsch schließlich vorbei war, wusste er, dass er das Schlimmste in seinem Leben überstanden hatte. "Das ist das Beste daran", sagt Andrew Wiseman.

2006 gab es den ersten Long March, den die Royal Air Force in Gedenken an den Marsch 1945 absolviert hat. Seitdem gibt es ihn jedes Jahr. 2012 gab es bei der sogenannten Manöverkritik einen ganz aufmerksamen Zuhörer, und das war Air Chief Marshal Sir Stephen Dalton, Chef des Stabes der Royal Air Force. "Er fand das Ganze sehr interessant", erzählt Flight Lieutenant Louise Lloyd. Sie, die sonst am Standort Cosford stationiert ist, ist eine von sechs Offizieren, die am Long March 2013 teilnehmen. "Ich bin stolz, hier mitgehen zu können", so Lloyd.

Zu den weiteren Teilnehmern gehören 25 künftige Luftwaffen-Ingenieure, die die Hälfte ihrer Ausbildung absolviert haben. Bei der Etappe Bad Muskau bis Spremberg haben sie mit Stephen Dalton einen hochrangigen Begleiter. Der Chef der britischen Luftwaffe wollte es nicht nur beim Zuhören belassen. Damit er Samstagabend noch nach Bad Muskau kommen konnte, wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, weil in England die Flughäfen wegen Schnee geschlossen waren. "Ich gehe mit, weil ich es nicht vergessen will. Wie überhaupt die Menschen es nicht vergessen sollten", sagt Stephen Dalton zu seiner Motivation zur Teilnahme.

Gemeinsam mit Andrew Wiseman schaut er interessiert einen RUNDSCHAU-Beitrag von 2006 an. Damals wurde mit dem Long March das erste Mal an die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg erinnert. Veteran Wisemann hatte da noch leichte Kritik am Zeitpunkt der Tour mitten im Sommer geübt. Denn 1945 fand der Marsch im Januar und Februar statt.

In diesem Jahr hat die Air Force auf ihn gehört. Zumindest temperaturmäßig können die Marschierenden den damaligen Teilnehmern ein bisschen was nachempfinden. Kein Wunder also, dass sich Charles Clark vor 68 Jahren freute, in Muskau in einer Glasfabrik übernachten zu können. "Es war so schön warm", so Clark, der es in der britischen Armee später bis zum Air Commodore gebracht hat. "Manchmal haben uns die Leute ein bisschen heißes Wasser gegeben", so Veteran Wiseman.

"In Leippa haben sie auf Stroh im Stall geschlafen", weiß Heinrich Wiesenberg. Als neunjähriger Junge erlebte er, wie der Tross der Gefangenen durch den Ort zog.

Am Sonntag ist er gemeinsam mit Ehefrau Ingeborg extra zeitig aufgestanden, um von Rothenburg pünktlich in Bad Muskau zu sein. Zwischen den Gesprächen mit Wisemann und Dalton macht er eifrig Fotos. "Ich habe schon ein ganzes Album voll", erzählt er voller Stolz. "Die Erinnerung ist sofort wieder da, auch an die Kameraden. Deshalb gedenken wir derer, die nicht mehr dabei sein können", so Andrew Wiseman. Für ihn ist der Long March 2013 sogar etwas Besonderes. Er feierte am Sonntag in Bad Muskau seinen 90. Geburtstag. Nach dem Ende des Marsches in Spremberg gibt es deshalb am Abend noch eine kleine Feier. Daran war vor 68 Jahren nicht zu denken.

Zum Thema:
Im damaligen Sagan befand sich das größte Kriegsgefangenenlager Stalag Luft III für Angehörige von US-amerikanischen, britischen, kanadischen und neuseeländischen Luftwaffeneinheiten, Piloten wie Flugzeugbesatzungen. Bekannt wurde es durch den spektakulären Ausbruchsversuch von Gefangenen in der Nacht vom 24. zum 25. März 1944. Dieser wurde 1963 verfilmt. In Deutschland wurde der Film unter dem Titel "Gesprengte Ketten" bekannt. Im Winter 1944-45 erfolgte dann die Evakuierung dieses Lagers über eine Route von Sagan über Halbau (Ilowa), Leippa (Lipna), Priebus (Przewoz) und Lugknitz (Leknica), weiter über Muskau, Kromlau, Schleife, Spremberg. Von hier aus ging es über Luckau bis nach Norddeutschland. Unter unvorstellbaren Bedingungen gelangten Mitte Februar 1945 viele Tausende Kriegsgefangene der Britischen Luftwaffe nach Muskau und verbrachten die Nächte in unzähligen Unterkünften in der Stadt sowie im Park. Hunderte Gefangene starben bei diesem "Langen Marsch".