Kinder vom Friedensdorf in Dinslaken warten auf ihr Essen. Der Trägerverein zieht für 2002 trotz sinkender Mitgliederzahlen eine positive Bilanz.Der neunjährige Mohamed Musa sitzt lässig auf der hellen Pritsche eines Therapieraums. Die Wände sind mit fröhlich-bunten Kinderbildern geschmückt. Plötzlich springt die Tür auf und ein kleines Mädchen schaut hinein. Entschlossen marschiert die fünfjährige Nasima bis zum anderen Ende des Zimmers, wirft ihre beiden Gehhilfen unter die Pritsche und setzt sich neben den Jungen. Dabei strahlt sie über das ganze Gesicht.
Vor rund einem Jahr war das noch anders. „Nasima ist mit einer schweren Knochenentzündung in das Friedensdorf in Oberhausen gekommen“ , erzählt die Sprecherin, Helga Kaczmarek. Zurück behalten hat sie von der Erkrankung neben schrecklichen Erinnerungen an Angst, Tränen und Schmerzen eine Fehlstellung des linken Beins - doch das ist jetzt mit Drähten und Schrauben fixiert.
Mohamed greift sich ein Bilderbuch, das er gerade hinter sich auf der Pritsche entdeckt hat. Der Junge blättert in dem Buch hin und her. Das macht er sehr geschickt, trotz seines schweren Handicaps: Mohamed hat keine Hände. Wie es genau passiert ist, weiß der Junge aus Afghanistan nicht mehr. Erst die Ärzte in Deutschland konnten ihm wirklich helfen. Sie haben ihm unterhalb des linken Ellbogens zwei „Finger“ modelliert. Dazu wurden in einer schwierigen Operation die von der Explosion übrig gebliebenen Stumpen beider Unterarmknochen geteilt.
Nasima und Mohamed kamen mit mehr als hundert weiteren Kindern bei einem der vielen vom Friedensdorf organisierten Einsätze aus Afghanistan zur medizinischen Behandlung nach Europa. Dort bleiben sie, bis sie zur nächsten Operation ins Krankenhaus müssen oder wieder in ihre Heimat zurück können. „Wir haben immer zwischen 120 und 150 Kinder verschiedenster Nationalitäten im Dorf“ , erzählt die Sprecherin.
Die so genannte Einzelfallhilfe bildet nur einen Teil der Arbeit. Hilfsstationen in den Krisen- und Kriegsgebieten werden gebaut, um auch dort die medizinische Versorgung verbessern zu können. Finanziert wird die Arbeit vor allem durch Spenden und Mitgliedsbeiträge - angereichert mit Einnahmen der Friedensdorf-Wirtschaftsbetriebe, die in eigenen Second-Hand-Läden Altkleider günstig zum Verkauf anbieten.

Orientalische Flötenklänge
An diesem Mittag dringen orientalische Flötenklänge durch das Gelände. Die Kinder toben wild auf dem Hof. Ein kleiner Junge schiebt einen anderen im Rollstuhl den leicht erhöhten Weg hinauf. Oben angekommen, drehen sich die beiden um. Während der eine die Bremse zieht, stellt sich der andere auf das hintere Trittbrett. Dann sausen beide gemeinsam den Weg wieder hinunter. „Wer in einem Rollstuhl sitzt, ist hier der King“ , erzählt Therapeutin Claudia Wichern.
Noch vor einer Stunde saßen alle Kinder beim Mittagessen im Speisesaal - die Mädchen von den Jungen getrennt an einer langen Tischreihe. Ausnahmsweise steht an diesem Tag mit Rinderbraten, Kartoffelpüree und Rotkohl ein typisch deutsches Gericht auf dem Speiseplan.
Trotz der unterschiedlichen Nationalitäten haben die Kinder im Umgang miteinander kaum Probleme. Deutsch lernen viele von ihnen innerhalb kürzester Zeit. Doch die Gäste aus zwölf Ländern von Afghanistan bis Vietnam werden im Friedensdorf nicht zu kleinen Europäern umerzogen. „Wir achten sehr darauf, dass die Kinder ihre Kultur behalten und auch leben können“ , erzählt Kaczmarek. So ist es ganz normal, dass muslimische Mädchen ihrem Glauben entsprechend ein Kopftuch tragen und beim Essen und Turnen von den Jungen getrennt sind. „Viele Neuankömmlinge essen am Anfang so viel, dass sie fast platzen. Sie sind es nicht gewohnt, regelmäßige Mahlzeiten zu bekommen. Doch auch das legt sich mit der Zeit“ , erzählt Kaczmarek.
Doch zum Leben im Dorf gehören für viele Patienten auch Therapien, von denen sie oftmals gar nichts mitkriegen. „Malen, Basteln und Turnen sind prima Beschäftigungen. Die Kinder machen es gern und gleichzeitig trainieren sie dabei unbemerkt ihre Gliedmaßen“ , erzählt die 57-jährige Krankengymnastin, die sich schon seit vielen Jahren um die Beweglichkeit der kleinen Bewohner im Friedensdorf kümmert.
Um verletzte oder kranke Kinder im Rahmen der so genannten Einzelfallhilfe zur Behandlung nach Europa zu holen, bedarf es neben finanzieller Mittel auch einer langwierigen Vorbereitung und vieler fleißiger Hände. Knapp 50 feste Mitarbeiter kümmern sich täglich um die Belange im Dorf. Unterstützt werden sie von Zivildienstleistenden und „vielen, vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die immer da sind, wenn man sie braucht“ , erzählt Kaczmarek.
Bei jedem Hilfseinsatz werden nicht nur geheilte Kinder zu ihren Familien zurückgebracht, sondern auch etliche Tonnen Hilfsgüter wie Kleidung, Decken, Lebensmittel und Medikamente mit in die Krisen- und Kriegsgebiete geliefert.

Hilfsgüter werden verteilt
Nach der Ankunft sorgen Mitarbeiter von Partnerorganisationen, Helfer und mitgereiste Betreuer gemeinsam dafür, dass die Kinder ihren Familien übergeben und die Hilfsgüter verteilt werden. Zu diesem Zeitpunkt steht auch schon fest, welche Kinder diesmal ausgeflogen werden. Neben Verbrennungen und Minenverletzungen leidet ein Großteil der kleinen Patienten an tückischen Knochenentzündungen, die oftmals durch Stress und schlechte Ernährung begünstigt werden.
Um die Einsätze der Hilfsorganisation weiter sichern zu können, braucht es Spenden. „Wir benötigen alles in allem rund 2,5 Millionen Euro im Jahr. Da ist dann aber alles mit drin. Die Einsätze ebenso wie die Unterbringung der Kinder und die Ausgaben für das Notwendigste“ , erzählt Kaczmarek. Trotz der schmerz- und leidvollen Erfahrungen, die die Kinder in ihrem Leben gemacht haben, sind sie während ihres Aufenthaltes im Dorf glücklich. Die meisten bleiben zwischen einem halben und einem Jahr, ehe es zurück geht in die Heimat. Den Kindern bleibt auch ein Leben lang die Erinnerung an ihre Zeit in Oberhausen, ein Stückchen Gesundheit und viele neue Freundschaften.