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Ein kleiner Mann mit großem Kampfgeist

Schicksalsgemeinschaft: Dr. Georg Schwabe, der tapfere Charlie, der sich von den Strapazen gut erholt, und seine Mutter Christin Pfeiffer.
Schicksalsgemeinschaft: Dr. Georg Schwabe, der tapfere Charlie, der sich von den Strapazen gut erholt, und seine Mutter Christin Pfeiffer. FOTO: CTK Cottbus
Cottbus. Bei Charlie wird im Alter von sieben Monaten ein seltener Hirntumor diagnostiziert. Experten des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums führen die lebensrettende Operation durch. Carolin Bablich und Bettina Friedenberg

Einen Großteil des vergangenen Jahres hat der kleine Charlie (1) im Carl-Thiem-Klinikum verbracht. Kurz nach Weihnachten 2015 geht es dem damals sieben Monate alten Jungen auf einmal sehr schlecht. "Er hat gebrochen, war sehr schwach und abwesend, hatte aber weder Fieber noch Durchfall und war auch nicht erkältet", erinnert sich Charlies Mutter Christin Pfeiffer (31). Im neuen Jahr geht sie mit ihrem Kleinen zum Kinderarzt. "Er hat sofort gesehen, dass etwas nicht stimmt", sagt die Gubenerin. Charlies Augen zeigen ein sogenanntes Sonnenuntergangsphänomen: Die Augen blicken bei geöffneten Lidern abwärts. Ein Alarmsignal. Zudem ist die Fontanelle, eine am Schädel Neugeborener auftretende Knochenlücke, vorgewölbt. Das zweite Alarmzeichen. Der Kinderarzt vermutet eine Hirnhautentzündung, weist Charlie sofort ins Carl-Thiem-Klinikum nach Cottbus ein. Dort wird unverzüglich ein Ultraschall des Kopfes durchgeführt. Die Ärzte entdeckten eine "Raumforderung" - etwas, das nicht dort hingehört, nimmt Raum ein.

"Im Ultraschall spiegelte sich diese Formation, sodass wir zunächst zwei potenzielle Tumoren gesehen haben," sagt Dr. Georg Schwabe, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. "Die Magnetresonanztomographie des Kopfes bestätigte, dass es sich bei Charlie um eine einzelne, mehrere Zentimeter große Raumforderung handelte."

Charlie muss umgehend operiert werden - er braucht eine Drainage. Neurochirurgen führen durch die Schädeldecke einen sehr kleinen Schlauch ein, der bis ins Nervenwasser ragt. So wird der Druck, der durch den Tumor und die überschießende Nervenwasserproduktion entsteht, entlastet. Wie ein kleiner Ballon macht sich der Tumor in Charlies Kopf breit. In einer zweiten mehrstündigen OP wird dieser Tumor schließlich neurochirurgisch unter der Leitung von Chefarzt Dr. Carsten Schoof und dem leitenden Oberarzt Thomas Marx entfernt.

"Das waren unendlich lange Stunden für mich und meinen Mann", sagt Christin Pfeiffer. Die Eltern können im Klinikum übernachten, um in dieser akuten Situation nahe bei ihrem Kind zu sein. Pathologen untersuchen anschließend den entnommenen Tumor.

Der histologische Befund bringt Gewissheit: Es ist ein atypisches Plexuspapillom. Ein extrem seltener Tumor, der von einer bestimmten Gewebeart der Nervenwasserräume ausgeht.

Die Diagnose ist für die Eltern ein Schock, den sie zunächst gar nicht realisieren können. Charlie ahnt mit seinen sieben Monaten natürlich nicht, wie es um ihn steht. "Umso wichtiger ist, dass die Eltern Vertrauen zum Behandlungsteam aus Ärzten, Schwestern und Psychologen aufbauen, damit sie in dieser extrem schwierigen Lage beraten und nicht allein gelassen werden", sagt Dr. Schwabe.

Mit einigem Abstand zur OP bekommt Charlie eine Chemotherapie. Noch immer werden Tumorzellen im Hirnwasser gefunden. Charlie braucht eine weitere Chemotherapie. Er bekommt ein sogenanntes Rickham-Reservoir. In seinem Fall eine kleine, unter der Kopfhaut liegende und durch eine Membran geschützte Kammer. Durch dieses Reservoir können per Spritze die Wirkstoffe der Medikamente direkt ins Hirnwasser appliziert werden. Zum anderen kann Flüssigkeit entnommen werden, um zu untersuchen, wie die Therapie wirkt. Sie wirkt. Die Zahl der Krebszellen nimmt ab. Damit sie komplett verschwinden, erhält Charlie derzeit weiterhin Chemotherapie. regelmäßig kontrollieren die Fachärzte im Team vom Kinderonkologen Dr. Georg Schwabe den Befund im Nervenwasser und per Magnetresonanztomographie.

Trotz der Strapazen hat Charlie sich gut entwickelt. "Der Tumor war nicht ins Hirngewebe, sondern ins Nervenwasser gewachsen", sagt Dr. Schwabe. Nach der OP war Charlies komplette rechte Körperhälfte gelähmt. Nicht ungewöhnlich nach so einem Eingriff, sagt der Onkologe. Heute ist nur noch Charlies rechter Arm eingeschränkt. "Aber auch das wird durch die Physiotherapie von Tag zu Tag besser", berichtet Christin Pfeiffer. Sie ist erleichtert. Nach einem sehr belastenden Jahr schaut die Familie jetzt nach vorn. "Wir sind froh, dass es Charlie wieder besser geht und hoffen, dass er so schnell wie möglich ganz gesund wird. Wir möchten ein großes Dankeschön unserem Kinderarzt und dem Carl-Thiem-Klinikum sagen." Im Mai feiert Charlie zweiten Geburtstag.