Es sind Horror-Szenarien, die die Vertreter der Sicherheitsbehörden gestern schilderten. Von "massiven Bombenanschlägen" und "simultanen Attentaten erheblichen Ausmaßes" war da die Rede, von Autobomben vor Discotheken, Restaurants und möglicherweise Flughäfen. Mit einem Sprengstoffgemisch der Wirkung von 550 Kilogramm TNT - weit mehr, als in Madrid und London explodierten - wollten die drei Attentäter eine "Vielzahl" von Menschen ermorden, glauben die Ermittler.
In letzter Minute konnte das Inferno mitten in Deutschland verhindert werden. Nach sechsmonatiger Observation griffen am Dienstag um 14.23 Uhr Spezialisten von Bundeskriminalamt und GSG 9 im sauerländischen Medebach-Oberschledorn zu: Die "hoch konspirativ" agierenden Männer hatten damit begonnen, die Bomben vorzubereiten. Zwölf Fässer mit Wasserstoffperoxyd hatten sie sich beschafft, um daraus Sprengstoff herzustellen, dazu auch einen militärischen Zündmechanismus.
Um die Gefahr einzudämmen, war es den Beamten nach Angaben von Generalbundesanwältin Monika Harms sogar gelungen, dass Wasserstoffperoxyd in einer Konzentration von 35 Prozent durch eine verdünnte und weniger gefährliche Flüssigkeit mit nur drei Prozent auszutauschen. Danach erfolgte der Zugriff: Festgenommen wurden drei Tatverdächtige, darunter zwei zum Islam konvertierte Deutsche sowie ein Türke.
Die 21- bis 29-Jährigen sollen aus München, dem Saarland und Ulm stammen. Alle sollen in Pakistan in Terror-Ausbildungslagern geschult worden sein und einer deutschen Sektion der Terror-Gruppe "Islamische Dschihad Union" (IJU) angehören. Ziele der Terroristen seien vor allem US-Einrichtungen in Deutschland gewesen, so Harms und BKA-Chef Jörg Ziercke. Womöglich auch der Flughafen Frankfurt/Main. Die Gruppe sei "fanatisch" gewesen, betonte Ziercke. Gestern wurde gegen alle drei Haftbefehl erlassen.
Nach der Festnahme durchsuchte die Polizei 41 weitere Objekte in mehreren Bundesländern, insgesamt 600 Beamte waren an der Anti-Terror-Aktion beteiligt. Beobachter in Berlin zogen daraus gestern den Schluss, dass die Terrorzelle womöglich nicht gänzlich ausgehoben worden sei und der Kreis der potenziellen Attentäter noch größer ist. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) wollte nicht spekulieren, "wir sind in einem permanenten Wettlauf", sagte er jedoch mit Blick auf die terroristische Gefahr.
Für die Ermittlung von Verdächtigen sei die Staatsangehörigkeit kein zuverlässiges Kriterium mehr. Zugleich versuchte der Minister, die Bevölkerung zu beruhigen: "Die Bürger können darauf vertrauen, dass die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern gute Arbeit leisten", so Schäuble. Deutschland sei nach wie vor vom internationalen Terrorismus bedroht, "jeder sollte aber sein Leben so weiterführen, wie er es bisher getan hat".
Angesichts der Ereignisse bekräftigte Schäuble indirekt seine Forderung nach Online-Durchsuchungen. Es sei wichtig, den Behörden die notwendigen Mittel für ihre Arbeit zur Verfügung zu stellen, erklärte der Minister. Terrorverdächtige würden "in einem starken Maße über Internettechnologie" kommunizieren.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel dankte den Sicherheitsbehörden: "Ich halte das für einen sehr großen Erfolg", sagte sie. Politiker aller Parteien zeigten sich erleichtert angesichts der Festnahmen.