"An meine Haare lasse ich nur die Müllers", ruft Margot Keller unter der rauschenden Trockenhaube hervor. Dabei reguliert sie selbst mit der Hand die Kalt- und Warmstufen. Den Hebel der (Leipziger) Uralttechnik findet die 87-Jährige inzwischen ohne hinzuschauen, schließlich geht sie seit 1957 einmal im Monat zu den Müllers zum Friseur. In jenem Jahr schmiedete Hans sein Glück. Er heiratete die Irma aus dem Nachbarort, die er zuvor bei einem Liebesfilm im Kino kennen gelernt hatte. Für 4000 DDR-Mark kaufte er in Dorfchemnitz (Erzgebirge) einen kleinen angestammten Vier-Sitzer-Salon, die wirtschaftliche Grundlage für die dreiköpfige Familie. Während Hans das Handwerk von der Pike auf lernte, brachte er es seiner Frau erst bei. Seitdem frisieren beide in dem Tante-Irma-Friseur-Lädchen, das in den Sechzigern das letzte Mal modernisiert wurde.
"Genau diesen Charme lieben unsere Stammkunden", weiß der Friseurmeister. Deshalb hegt und pflegt er die inzwischen einmalige Technik aus Tagen, in denen die Dauerwelle noch 12,50 DDR-Mark und der Herren-Rundschnitt 1,50 DDR-Mark kosteten. Die drei Nostalgie-Trockenhauben haben nie schlapp gemacht, ebenso nicht die Herren-Haarschneidemaschine, die noch immer an einer Rollschiene befestigt von der Decke herunter hängt. Die Herren sitzen auf einem schweren lederbezogenen Stuhl, "den früher auch die Zahnärzte hatten", erinnert sich Hans Müller lachend.
Die Frauen können es sich dagegen schon auf "modernen" gepolsterten Holzstühlen bequem machen. "Doch die Handtücher bringen unsere Kundinnen wie eh und je selbst mit", verrät Irma Müller. Ihr fiel es in all den Jahren etwas schwerer, die vielen Schicksalsschläge der Kundschaft zu verarbeiten, die ein Friseur üblicherweise erzählt bekommt. Kraft und Halt findet sie immer bei ihrem Mann, dem nichts umhauen konnte.
Erfolgreich wehrte er sich zu DDR-Zeiten gegen die drohende Verstaatlichung. Und auch als ihm nach der Wende ein windiger Geschäftsmann einzureden versuchte, den Friseurladen in ein trendiges Cappuccino-Café umzuwandeln, blieb der Meister unbeirrt bei Kamm und Schere. Eigentlich könnte der Rentner sie inzwischen längst aus den Händen legen, "doch uns würde echt etwas fehlen", gibt Hans Müller zu. So öffnet er noch an zwei Tagen in der Woche für seine Stammkunden. Die danken es mit Treue, mal einem Päckchen Kaffee und dem neusten Klatsch und Tratsch.