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| 01:02 Uhr

Ein „Grenz-Gänger“ geißelt die soziale Ungerechtigkeit

Zuerst sei nachgereicht, was versprochen war. Als unsere Wochenend-Beilage vom 15. Oktober zur Frankfurter Buchmesse Landolf Scherzers Reportage „Grenz-Gänger“ (Aufbau-Verlag, 400 Seiten, 19,90 Euro) vorstellte, mündete das in die Frage nach der Idee zu diesem Buch. Von klaus wilke

Sein spannender Text gab darauf keine Antwort. Nun war der Autor Gast des Cottbuser Lese-Herbstes. Eine Gelegenheit zu fragen, ob Scherzer einen Urknall erlebt habe, den er als Startschuss zur Grenzland-Wanderung ins Ohr bekam.

Die Neugier des Reporters
„Es gab keinen solchen Auslöser. Ich bin diesem Thema allmählich nahe gekommen. Schuld daran war meine Neugier als Reporter“ , erklärt der sympathische und vitale 64-Jährige, der mit seinen vorangegangenen Büchern „Der Erste“ , „Der Zweite“ , „Der Letzte“ und „Die Fremden“ große Leserkreise erreicht hatte. Schlüssel zur Psyche und Mit-teilsamkeit der Menschen waren ihm Einfühlung, genaue Beobachtungsgabe, Interesse und Achtung für Biografien.
„Nein, einen Startschuss gab es wirklich nicht“ , sagt Landolf Scherzer und überlegt: „Eher waren es die unermüdlich tickende Uhr und die fallenden Kalenderblätter unserer Zeit, die mich im Vorjahr auf 15 Jahre Mauerfall aufmerksam machten, und ich hatte eine Vorahnung, dass dieses Thema ein Jahr später, wenn die deutsche Einheit 15 Jahre alt wird, allgemein interessiert.“
Hinzu kommt, dass Scherzer in Thüringen wohnt, die ehemalige Grenze vor der Nase hat und - für einen Reporter wichtig - dass eine Tageszeitung das Projekt unterstützt hat. Es brauchte also keinen Startschuss dafür, dass der Reporter in die Wanderschuhe schlüpfte, den Rucksack aufsetzte und sein Diktiergerät aktivierte. 400 Kilometer deutsch-deutsche Grenze lagen vor ihm, die sich, da er kreuz und quer Städte und Dörfer links und rechts der früheren Demarkationslinie aufsuchte, gut und gern zu 1000 Kilometer Weg addierten.
Im RUNDSCHAU-Gespräch zieht Scherzer ein Resümee und holt den Kommentar nach, den er im Buch klugerweise unter- und seinen Lesern überlassen hat: „Ich habe keinen Ost-West-Konflikt gefunden. Was die Menschen bewegt, sind soziale Ungerechtigkeiten, die ihnen diese Gesellschaft in allen Landesteilen bereitet. Da geht es nicht um Himmelsrichtungen, sondern um Oben und Unten und um Arm und Reich. Dort, wo auf der einen Seite Sperrgebiet und auf der anderen besonders gefördertes Zonenrandgebiet war, befinden sich heute besondere Problemzonen, weil jeder immer den anderen verantwortlich macht. Der schwarze Peter wird hin- und hergeschoben. Das wäre nicht so, wenn es den schwarzen Peter gar nicht gäbe, sprich: wenn die sozialen Bedingungen besser wären.“

Merkwürdige Begebenheiten
Die 200 Besucher im knüppeldick besetzten Heron-Veranstaltungssaal erlebten eine vergnügsame Lesestunde. Das Lachen saß locker und allemal startbereit in der Kehle. So, wenn Scherzer von einem jungen Mann aus dem Westen erzählt, der sagt, der Unterschied zwischen Ost und West sei nicht sehr groß, allerdings sei man auch früher nicht weit auseinander gewesen: „Wenn wir bei der Bundeswehr den Leo-Panzer reparierten und die Elektroschaltung abmontierten, da stand drunter: VEB Carl Zeiss Jena.“
Zur Eierfrau eines Dorfes geschickt, steht der Reporter vor einem Schild: „Wir wollen hier nichts kaufen, nichts spenden, unsere Religion nicht wechseln, wir sind versichert, und unsere Rechnungen sind bezahlt. Also Tschüs.“

Benedikts Wundertat
Einen Teil des Weges begleitete Günter Wallraff den Thüringer Reporter. Bei anhaltendem Regenwetter fanden sie Unterschlupf bei einem polnischen Pfarrer im tiefkatholischen Dorf, einer Insel im evangelischen Luther-Meer. Der Mann kennt Deutschland: „Es ist ein Land der Gesetze und Verordnungen, auch in der Kirche. Wenn man Karfreitag ein Ei isst, dann ist das noch keine Sünde, aber ein Ei und noch ein Viertel Ei dazu, das ist schon eine Sünde.“ Und: „Wenn in Deutschland ein katholischer Politiker lügt, dann lügt er eben. Geht am Sonntag in die Kirche und lügt am Montag im Parlament wieder.“
Nein, für Wunder sei er nicht zuständig, könne auch den Regen nicht stoppen. Als die beiden Reporter wieder unterwegs waren, klarte der Himmel plötzlich auf. Stolz präsentiert Scherzer dem wunderungläubigen Wallraff ein kleines Bild vom neuen Papst auf einem Flyer, den er sich beim Pfarrer eingesteckt hatte.
Scherzer ist in der Lausitz verwurzelt. Hier hat er seine Mutter, hier machte er bei der RUNDSCHAU sein Volontariat und mit Erich Schutt das Buch „Spreewaldfahrten“ . Gern, sagte er, träte er zu einer neuen Spreewaldfahrt an. Seine Leser würde das freuen.