Hotelgäste, Freunde der bodenständigen Grafenfamilie, Ortsansässige und Auswärtige - sie alle sind auf diesen besonderen Tag gespannt und stürmen den neuen Bankett-Saal an diesem Sonntagvormittag. Erstmals gibt es das Leben "Die Grafen zu Lynar - kurze Geschichten einer langen Tradition" als gebündeltes, großes Werk zum Nachlesen und wird der Öffentlichkeit im Rahmen einer Buchpremiere stolz präsentiert. Rund 270 Seiten, in Ganzleinen gebunden, und mit ebenso vielen hervorragenden Fotomotiven über das inzwischen im Spreewald heimisch gewordene Grafengeschlecht.

Zunächst flutet das Licht von innen den neuen Ballsaal, der in den beiden Nächten zuvor feierlich und in ausgelassener Stimmung eingeweiht wurde. Später wird diese Rolle die Sonne von draußen übernehmen. Das gibt der gesamten Lesung ein würdevolles, helles Antlitz. Auf der Bühne versammeln sich die beiden Autoren, Rochus Graf zu Lynar und Lothar Uebel, während der Chefredakteur der Lausitzer RUNDSCHAU, Johannes M. Fischer, die Buchpremiere moderiert. Es wird eine in Teilen emotionale, zugleich auch süffisante und lockere, nicht allzu wissenschaftliche, vor allem aber historische Reise durch fünf Jahrhunderte einer in Lübbenau und der Region nicht mehr wegzudenkenden Grafendynastie.

"Zwei unserer Vorfahren, Wilhelm und Guerrino, hatten bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts Bestrebungen, eine Lynarsche Publikation herauszubringen", erklärt Rochus Graf zu Lynar die Entstehungsgeschichte des Buches. Ganz konkret habe es einen Versuch von Guerrino um das Jahr 1937 gegeben, das aber an finanziellen Möglichkeiten gescheitert sei. "Aber dieser Versuch hat uns mustergültige Manuskripte hinterlassen, die allesamt auch Grundlagen unseres Buches waren", sagt der Graf.

2003 begann der Berliner Lothar Uebel, sich der Geschichte anzunehmen. Dass seine Firma zufällig "Das Büro mit dem historischen Gedächtnis" heißt, ist der Sache nur allzu dienlich, um die wichtigsten Eckpfeiler der vergangenen Jahrhunderte aus der Historie um die Lynars nicht aus den Augen zu verlieren.

2004 wurde dann eine erste Broschüre publiziert. "Es folgten zahlreiche Recherchen und Zeitzeugeninterviews, ich sichtete Archivmaterialien und baute ein Fotoarchiv auf", so Uebel. Zehn Jahre später sei die Arbeit nun so ausgereift gewesen, dass sich alle Beteiligten in der Lage sahen, die Lynarsche Geschichte viel ausführlicher als in der Broschüre darzustellen. Zu den Beteiligten zählen neben den Autoren unter anderem die Rudolf-August-Oetker Stiftung, eine Restauratorin, ein Fotograf und ein Lektor.

"Lauschen Sie doch mal dem Klang beim Umblättern der Seiten, das ist die Stradivari unter den Büchern", sagt Lothar Uebel, bevor sich die Podiumsteilnehmer in den Inhalt stürzen. Uebel berichtet von den Anfängen des Grafengeschlechts in Italien im 16. Jahrhundert. Eine Wandergeschichte im großen Maßstab, von Männern geprägt, die Frauen halten ihnen den Rücken frei. Die Lynars ziehen ein Jahrhundert später in den Spreewald - und bereisen von Lübbenau aus über Generationen hinweg die Höfe Europas.

"Gibt es speziell für Sie ein herausgehobenes Vorbild?", fragt Johannes M. Fischer Rochus Graf zu Lynar. "Da komme ich nicht umhin, meinen Großvater Wilfried zu nennen." Wilhelm Friedrich Graf zu Lynar (kurz Wilfried) war einer der Verschwörer des 20. Juli 1944 gegen Hitler. Die Leistung soll nicht gehypt, aber gewürdigt werden, das ist dem Grafen wichtig. Wilfried wurde am 29. September 1944 hingerichtet. Während der Nazidiktatur galt Seese als Heimat der Familie Lynar. Auch innerhalb der eigenen Familie gab es "ideologische Risse" in diesen hochpolitischen Zeiten, da sich eine Schwester als glühende Verehrerin des Naziregimes äußerte, der Rest der Familie aber die politischen Entwicklungen mit äußerstem Bedenken verfolgte.

Die Lesung geht inzwischen deutlich länger als geplant, was der Spannung aber keinen Abbruch tut. Zum Abschluss äußert sich Rochus Graf zu Lynar noch einmal zum Sinn des Buches. "Wir wollten dieses Buch nicht allein für unsere Familie schreiben, sondern zeigen, welchen Wert generationenübergreifendes Denken gehabt hat."

Hotelleiterin Birgit Tanner zeigt sich nach der Lesung hocherfreut. Für sie ist das Buch eine logische Konsequenz auf vielfachen Wunsch ihrer Gäste. "Viele unserer Besucher haben schon immer großes Interesse an der Geschichte des Schlossensembles und der Grafen zu Lynar gezeigt", sagt die Hotelleiterin. Für sie sei das Buch vor allem "lebendig geschrieben" und besticht durch die Exponate. Nach Beendigung der Lesung wird besonders ihr Tisch von den Zuhörern umrahmt. Die meisten Anwesenden nutzen die Gelegenheit und lassen sich ihr persönliches Exemplar vom Grafen signieren.