Die Besiedlungsgeschichte des Neißelandes muss möglicherweise neu geschrieben werden. „Bisher ging man immer davon aus, dass fränkische und thüringische Siedler das Gebiet um Görlitz gegen 1200 erreichten und sich hier niederließen“ , erklärt Dietmar Ridder, Mitarbeiter der Unteren Denkmalschutzbehörde bei der kreisfreien Stadt Görlitz.

Diplomarbeit
Untersuchungen, die im Zuge der Sanierungsarbeiten in der Ludwigsdorfer Kirche vorgenommen wurden, verrücken nunmehr jedoch dieses bis dato festgefügte Bild. Demnach nämlich stammt der Dachstuhl über der Apsis als ältester Teil der Ludwigsdorfer Kirche aus der Zeit um 1175. Wesentliches zu dieser Erkenntnis trug Toni Biedermann bei, der sich seit eineinhalb Jahren mit der Dachkonstruktion des Gotteshauses beschäftigt und diese zum Thema seiner Diplomarbeit gemacht hat.
Der Student der Architektur an der Fachhochschule Zittau-Görlitz hat mit Unterstützung von Kommilitonen jeden Balken des Dachstuhls nach Länge, Stärke und Position vermessen und somit eine detailgetreue „Karte“ der kompliziert aufgebauten Konstruktion erstellt.
„Der Dachstuhl der Ludwigsdorfer Kirche weist Merkmale auf, die eigentlich erst in späterer Zeit die Kirchenarchitektur prägten“ , so lautet sein Fazit. Fast scheint es also, als seien die Erbauer der Kirche zu Ludwigsdorf ihrer Zeit voraus gewesen.

Auf den Spuren des Holzes
Doch mehr noch: Dendrologische Untersuchungen - das bedeutet Altersbestimmungen anhand der Ringstruktur im Holz - ergaben, dass das Holz, das man für den Dachstuhl über der Apsis (den östlichsten und ältesten Teil der Kirche) verwendete, in der Zeit um 1175 geschlagen wurde.
„Die Struktur des Holzes deutet darauf hin, dass man es unmittelbar nach dem Einschlag verbaute“ , so Toni Biedermann. „Dies bedeutet, dass der Dachstuhl tatsächlich um 1175 entstanden sein muss.“
Die Ludwigsdorfer Kirche war in den letzten Jahren für einige überraschende Erkenntnisse gut. So stellte sich heraus, dass der Dachstuhl über dem Turm älter ist als das Gemäuer selbst - auf den ersten Blick eine recht ungewöhnliche Vorstellung. Des Rätsels Lösung: Der Dachstuhl bedeckte ursprünglich den (turmlosen) Chor, erst später wurde dieser zu einem Turm aufgestockt und der originale Dachstuhl wieder verwendet, also quasi angehoben. Der westlich gelegene Saal entstand um 1190, die Aufstockung des Turmes erfolgte gegen 1209.
Für Dietmar Ridder ist es wichtig, dass die Fassadensanierung an Apsis und Turm in einer Farbe, die dem Originalbefund entspricht, komplett erfolgen konnte.

Weitere Geheimnisse?
„Für die Fassadensanierung des Saales muss jetzt erst wieder das Geld zusammengebracht werden“ , erklärt er. Auch der Innenraum hätte eine Restaurierung bitter nötig. Und wenn es so weit ist, wer weiß, welche Überraschungen die äußerlich so schlichte Kirche noch birgt . . .

Zum Thema Die Kirchengemeinde
 Ludwigsdorf ist eine kleine evangelische Kirchengemeinde im Norden von Görlitz mit etwa 400 Gemeindegliedern. Zu ihr zählen die Ortsteile Klingewalde, Ludwigsdorf und Ober-Neundorf. Seit 1996 ist die Kirchengemeinde pfarramtlich verbunden mit der Nachbargemeinde Zodel.