Und Ulrich Wickerts Premiere der neuen ARD-Sendung "Wickerts Bücher" am Donnerstagabend bekam Brisanz: Schließlich saß der Literaturnobelpreisträger selbst im roten Sessel, um über seine Jugendmemoiren "Beim Häuten der Zwiebel" zu sprechen. Es wurde ein unaufgeregtes und unspektakuläres Gespräch.
Wickert, mit Grass gut bekannt, stellt den Freund zurück und gibt den professionellen Journalisten, der sein Gegenüber siezt. Mehrfach stellt er die Frage nach dem Warum: Warum nur habe Grass nicht früher gesagt, dass er zum Ende des Krieges in die Waffen-SS eingezogen wurde„
"Das lag bei mir begraben. Ich kann die Gründe auch nicht genau nennen", antwortet der 78-Jährige ruhig und bedächtig. Zwar habe es ihn immer beschäftigt und er habe immer das Bedürfnis gehabt, irgendwann darüber in einem größeren Zusammenhang zu berichten. "Und das hat sich jetzt erst ergeben, indem ich meine inneren Widerstände überwunden habe, überhaupt autobiografisch zu schreiben."
Was Grass als 17-Jähriger genau in der Waffen-SS gemacht hat, bleibt offen. Grass betont von sich aus jedoch, er sei "an keinem Verbrechen beteiligt" gewesen. Zudem würden ihn andere Dinge mehr beschäftigen. Zum Beispiel, warum er als Hitlerjunge nicht "die richtigen Fragen" gestellt habe - als sein Onkel erschossen wurde oder ein Schulfreund verschwand. Mit seinem Buch versuche er, sich dem "fremden Jungen" von damals wieder zu nähern.
Man kann Wickert nicht vorwerfen, dass er nicht umfassend fragt: Haben Sie sich schuldig gemacht“ Warum bewunderten Sie den Nationalsozialismus?
Grass antwortet bereitwillig und ruht dabei in sich. "Wer richten will, mag richten", sagt er. Wickert will das nicht. Schon vor der Ausstrahlung des Interviews nahm er den 78-Jährigen in Schutz: Grass habe sich nicht selbst "einen Maulkorb verpasst", sondern sei einer "Kultur des Schweigens" unterlegen, sagte der Moderator in einem Zeitungsinterview.